Architektur  Kritik

Die Schönheit der Fassadenwunde

Lexikon | aus FALTER 38/12 vom 19.09.2012

Ganz hinten, am Ende der vortrefflichen Ausstellung "Europas beste Bauten“, befinden sich zwei Monitordarbietungen. Die eine soll man sich nicht entgehen lassen. In schnellem Rhythmus werden hier alle 45 für den Mies van der Rohe Award 2011 nominierte Bauwerke vorgestellt. Lauter bemerkenswerte Bauten. Lehrreich ist auch die Vielfalt der formalen Möglichkeiten, ein komplexes Bauwerk filmisch vorzustellen. Auf andere Monitorsitzungen kann man verzichten. Es ist eine dreiteilige Dokumentation über die Auszeichnungsprozedur. Die Juroren spielen Juroren, wie sie theatralisch intensiv über die Preiswürdigkeit nachdenken.

Wenn man das dennoch anschaut, versteht man vielleicht, warum David Chipperfield mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde - für die Neugestaltung des Neuen Museums in Berlin, das im Krieg durch Bomben schwer lädiert wurde. Es ist tatsächlich keine schlechte Leistung. So außerordentlich ist es aber nicht, was Chipperfield mit der klassizistischen Ruine gemacht hat. Architekturgeschichtlich handelt es sich um ein bescheidenes - die Gestaltung nützt die Romantik der Ruine ziemlich scham- und fantasielos aus - Plagiat des verwirklichten Konzeptes von Hans Döllgast, der in den 1950er-Jahren die ähnlich schwer beschädigte Neue Pinakothek in München wiederhergestellt hat. Es verschlägt dem Besucher immer noch den Atem, mit welcher Vehemenz und welchem Einfühlungsvermögen Döllgast architektonisch auf den Krieg aufmerksam macht. Man könnte auch an die einzigartig feinsinnigen Umbauten und Exponatinszenierungen von Carlo Scarpa, etwa in Verona, erinnern, um sich zu vergegenwärtigen, dass Chipperfields Leistung eine bestenfalls postmoderne Wiederholung ist. Am 22.9. stellen die österreichischen Bewerber ab 14 Uhr ihre Beiträge vor. JAN TABOR

Azw, bis 8.10.


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