Film  Neu im Kino

Michael Hanekes "Liebe“ geht bis zum Äußersten

Lexikon | aus FALTER 38/12 vom 19.09.2012

Eventuell ist dies Michael Hanekes bisher stärkste Arbeit. Schon im Prolog des Films werden allfällige Zweifel über den Ausgang des Geschehens ausgeräumt. Feuerwehr und Polizei brechen die Türe zu einer Wohnung auf, dringen in das Schlafzimmer ein, finden auf dem Bett den verwesten Leichnam einer Frau.

"Amour“ ist die Geschichte von Anne und Georges, eines hochkultivierten Ehepaars um die 80. Schauplatz ist eine großräumige Wohnung irgendwo in Paris, mit Regalen voller Bücher und CDs, einem Flügel im Salon, einer Reihe von Landschaftsgemälden und einem Gobelin an den Wänden. Eines Morgens beim Frühstück macht Anne einen völlig weggetretenen Eindruck. Mit dem leichten Schlaganfall geraten die alltäglichen Routinen im Leben des Ehepaars nach und nach mehr ins Rutschen.

Anfangs wirkt es noch wie ein Tanz, wenn Anne sich von Georges aus dem Rollstuhl helfen lässt, er seine Knie gegen die ihren presst, sie hochzieht, ein paar kleine Schritte mit ihr macht, links, links, links, und sie in den bequemen Fauteuil sinken lässt. Doch dabei bleibt es natürlich nicht. "Man kann einer Figur gar nicht genug antun, denn das Drama lebt ja von den Konflikten“, ist der Filmemacher überzeugt. "Man muss immer zum Äußersten gehen, erst dann wird’s interessant.“

Weder als Drehbuchautor noch als Regisseur erlaubt sich Michael Haneke irgendeine Abschweifung. Sein Film, ein Kammerspiel, konzentriert sich ganz auf das alte Paar (großartig interpretiert von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant) und den Krankheitsverlauf: von Annes momentaner Geistesabwesenheit über ihre halbseitige Lähmung bis zur vollkommenen Bettlägrigkeit und dem weitgehenden Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten. In dieser Situation gibt es keinen Ausweg mehr.

MICHAEL OMASTA

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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