Doris Knecht  Selbstversuch

Wir sprechen jetzt viel über Piercings

Kolumnen | aus FALTER 38/12 vom 19.09.2012

Am ersten Tag waren die Mimis nur zwei Stunden im Gymnasium, aber als sie wieder herauskamen, waren sie drei Jahre älter. Wenn man gerade Jahre seiner Kindheit als Älteste in Schule und Kindergartenhort verbracht hat, ist es eine Offenbarung, plötzlich acht Jahrgänge älterer Mädchen über sich zu haben. Boah … So kann man also auch ausschauen. So kann man sich also auch anziehen. So kann man Haare auch färben. Und man kann sich so Sachen ins Gesicht stecken, interessant.

Nicht dass die Mimis über die aktuellen Vorgänge in Mode und Society nicht informiert wären: Man liest regelmäßig und mit unbedingtem Glauben Bravo, Hey, Seitenblicke-Magazin, Woman, In-Style und Vogue, man kennt sich aus. Aber es ist etwas anderes, derlei in der unmittelbaren Schulumgebung vorgelebt zu bekommen. Wir sprechen jetzt viel über Piercings. Und über das korrekte Alter dafür.

Wenn ich 16 bin, denke ich. Oder?

16 ist okay für mich.

Gut, dann will ich mit 16 so ein Nasenpiercing. Ein Mädchen in der Schule hat so eins, mit einem Glitzerstein. Das sieht total cool aus.

Ich weiß nicht.

Doch.

Es ist eh deine Nase.

Aber tätowieren lasse ich mich, glaub ich, nicht.

Wie du meinst. Es ist langfristig auch deine Haut.

Hättest du was dagegen?

Na, jetzt schon noch.

Aber später!

Da könnte ich ja schlecht grundsätzlich etwas dagegen haben, oder.

Hat es dir die Oma erlaubt?

Hahahaha.

Es ist jetzt auch offiziell, dass das Bubenmädchen keins mehr ist. Es fing mit dem Zopfgummi an, den die Karatelehrerin anordnete, und war dann nicht mehr aufzuhalten. Kann ich einen Jeansminirock haben? Kaufst du mir auch mal Leggins? Darf ich deinen Nagellack?

Ja, darfst du. Weil es schön ist, zuzusehen, wie ein Kind in seinem eigenen Tempo in seine Haut hineinwächst. Und wie es sich irrsinnig wohl fühlt darin. Borgst du mir deine alte Lederjacke?

Nicht, dass das andere Mimi sich nicht wohlfühlen würde. Soweit das dem Shopping-Mimi möglich ist, in einem Monat, den die Mutter aufgrund finanziellen Engpassdesasters zum Monat des Konsumverzichts erklärt hat.

Aber ich brauche das unbedingt!

Dann kauf es dir.

Ich habe kein Geld.

Ich auch nicht. Verdien dir was.

Womit?

Weiß nicht. Mach einen Vorschlag.

Ich könnte babysitten!

Gute Idee. Das kannst du. Gleich nachdem du selber keinen Babysitter mehr brauchst.

Äh, ah ja.

Das Leben der Teenies. So ist das nämlich. F


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