Vor 20 Jahren im Falter  Wie wir wurden, was wir waren

Gesprächig

aus FALTER 39/12 vom 26.09.2012

Es war eine eher gesprächige Ausgabe, die Ausgabe 39/1992. Das Gespräch, das man heute vielleicht am liebsten läse, war allerdings keines. Auf dem Titelblatt blickte einen ein melancholischer, bereits krebskranker Frank Zappa an, der mit seinem Projekt "The Yellow Shark“ und dem "Ensemble Modern“ gerade durch Europa tourte und auch in Wien gastierte. Die kluge Konzertvorschau von Christian Scheib tröstete darüber nicht ganz hinweg.

Aber dann waren da ja noch die Gespräche selber. Klaus Nüchtern zum Beispiel traf Richard Sennett, den US-amerikanischen Soziologen, Essayisten und Urbanisten. Das Gespräch drehte sich denn auch um Städtebau. Die Londoner Docklands hielt Sennett zum Beispiel für ein Desaster. Auch über Wien hatte er etwas zu sagen: "Das, was eine Stadt wirklich tötet, ist die Angst vor der Differenz. Und ich muss gestehen, dass ich diese Furcht spüre, wenn ich in Wien zu Gast bin.“

In Wien nicht zu Gast war Rudolf Edlinger. Er amtierte damals als Wohnbaustadtrat und verteidigte im Falter öffentliches Eigentum als Marktkorrektur und Garantie für billige Wohnungen. "Es ist falsch, jemandem einzureden, dass man bei den heutigen Baupreisen ohne permanente Subvention Wohnungen für die sozial Schwächsten bauen kann.“

Peter Pelinka interviewte Peter Glotz, ehemals Geschäftsführer der SPD, einst deren Vorzeigeintellektueller und zum Zeitpunkt des Interviews noch deren Landtagsabgeordneter in Bayern. Es ging um die Zukunft des Nationalismus (Renationalisierung, "ein Irrsinn“!) und der EG: "Ich in skeptisch, was die Vertiefung der Wirtschaftsgemeinschaft EG zu einer politischen Union anlangt.“

Das trifft noch immer genauso zu, wie die politische Analyse des prominentesten Autors dieser Ausgabe zutraf. Hans Magnus Enzensberger forderte auf drei Seiten voller Empathie, wenngleich nicht ganz ohne Ironie "Mitleid mit den Politikern“. Es war der einzige Enzensberger-Essay, den sich der Falter jemals leisten konnte (er teilte ihn sich mit der FAZ). AT


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