Am Apparat  Telefonkolumne

Herr Kapp, sind die Politiker alle burnoutgefährdet?

Politik | aus FALTER 39/12 vom 26.09.2012

In Oberösterreich nimmt der grüne Landesrat Rudi Anschober bis Jahresende eine Auszeit - wegen Burnout. Wie schlimm ist die Belastung als Politiker? Darauf antwortet Daniel Kapp, einst Pressesprecher von Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP), der aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat.

Herr Kapp, sind Politiker wirklich so burnoutgefährdet?

Absolut. Der Job eines Politikers hat eine unglaubliche Beschleunigung erlebt. Rund um die Uhr muss man auf etliche Themen eine Antwort haben und abrufbar sein.

Herr Anschober redet von 100 Arbeitsstunden pro Woche. Ist das realistisch?

Ja, als Landesrat muss man ständig am Land unterwegs sein. Das war bei Josef Pröll ähnlich: Neben seiner Regierungsarbeit musste er durch die Länder touren. Sonst heißt es, man ist abgehoben. Und gleichzeitig gehört auch die Medienmaschinerie bedient. Wenn ein Thema aufkommt, wird vom ÖVP-Chef erwartet, dass er nach einem 10-Stunden-Tag um 22 Uhr in der "ZiB 2“ sitzt und voll präsent ein Interview gibt. Politik und Medien bräuchten eine Entschleunigung.

Entschleunigung? Wie soll das gehen?

Indem nicht jeder Spitzenpolitiker zu jedem Mist etwas sagen muss. Indem man etwas langsamer diskutiert. Manchmal kommen mir Politik und Medien wie eine riesige Big-Brother-Show vor, in der jede Drehung und Wendung analysiert wird.

Ärgert Sie, dass viele Menschen über die faulen Politiker schimpfen?

Mich ärgern die Fellners dieser Republik, die unangemessene Bilder von Politikern erzeugen. Ich würde jedenfalls nicht Politiker werden wollen und bin froh über meinen Ausstieg. Ohne eine Diät zu machen, habe ich seither 20 Kilo abgenommen, weil ich wieder zu normalen Zeiten essen kann, weil ich nicht mehr im selben Ausmaß dem Alkohol ausgesetzt bin. Ich habe Zeit für Freunde, Zeit für Gedanken. All das gab es in der Politik nicht.

Interview: Ingrid Brodnig


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