Die dunklen Seiten des Mondes

aus FALTER 40/12 vom 03.10.2012

Die Nacht ist der neue Tag. Uni und Job haben uns die Stunden unter der Sonne mit Terminen zugemüllt. Das wirkliche Leben findet in der Nacht statt. Was soll an einem frühen Morgen schon passieren? Die Müdigkeit ist doch viel zu groß. Konzentration um acht Uhr morgens? Auf welchem Planeten soll das funktionieren?

Dann hat sich der Mensch das Feuer dienstbar gemacht und die Elektrizität erfunden. Seitdem sind wir nicht mehr an den natürlichen Wechsel zwischen Tag und Nacht gebunden. Inzwischen beleuchten Neonröhren Fabrikshallen, erhellen Kronleuchter Ballsäle, vertreiben Schreibtischlampen Dunkelheit und Feierabend. Beinahe alles, was wir tagsüber machen, können wir auch Nachts erledigen.

Nachts kommen die Dämonen

Doch auch wenn unsere Straßenlaternen die nächtlichen Städte mit Licht versorgen, haben die Stunden zwischen Sonnenunter- und Sonnenaufgang immer noch etwas Bedrohliches, Mythisches. Woher kommt unsere Vorstellung, dass des Nachts die Dämonen kommen? Ist es ein Relikt aus jener längst vergangenen Zeit, als wir uns verkriechen mussten, um nachtaktiven Vierbeinern mit scharfen Zähnen zu entgehen? Die vierbeinigen Raubtiere, die uns ernsthaft schaden könnten, haben wir ausgerottet oder zumindest in Zoos und Reservate verfrachtet. Die einzigen Wesen, vor denen wir uns nachts noch fürchten müssen, sind unsere Mitmenschen. Aber die sind tagsüber genauso gefährlich.

Es gibt also objektiv betrachtet keinen Grund mehr vor der Nacht Angst zu haben. Im Gegenteil. Erst wenn die Dunkelheit kommt, beginnt jene Zeit, die uns selbst gehört. Kreativität, Kunst, Partys, Liebe, Sex, die schönsten Dinge des Lebens passieren nachts. Darum möchten wir hier endlich einmal die Nacht würdigen. Und die dunkle Seite des Mondes war schon immer die spannendere.


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