Theater  Kritiken

Effekt statt Affekt: ein Psycho-Zaubermärchen

Falter : Woche | aus FALTER 40/12 vom 03.10.2012

Der Schwerpunkt des Burgtheaterspielplans liegt in dieser Spielzeit auf österreichischer Literatur. Das ist für Österreichs Nationalbühne einerseits zwar kein sonderlich origineller Ansatz, aber andererseits kann es auch nicht schaden, sich einmal wieder auf seine Kernkompetenzen zu besinnen. Ferdinand Raimund, zum Beispiel. Die Zauberspiele des depressiven Dramatikers sind für das heutige Theater eine Herausforderung, die nur selten befriedigend gemeistert wird. Im Burgtheater hat sich jetzt der Österreicher Michael Schachermaier - mit seinen 30 Jahren angeblich der jüngste Burg-Regisseur ever - an "Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ versucht.

Das Stück ist ein Psychodrama in Zaubermärchenform: Der Misanthrop Rappelkopf wird durch Selbsterkenntnis geheilt. Doch statt in seelische Abgründe zu blicken, lässt es Schachermaier in seiner Inszenierung lieber krachen. Die Burgtheatertechnik darf das eine oder andere Feuerwerk zünden, und auch sonst regiert der Effekt. Die Szene etwa, in der Rappelkopf einer Köhlerfamilie die Hütte abkauft, ist als ziemlich unkorrekte, aber auch ganz schön witzige Unterschichtsnummer arrangiert.

Johannes Krischs Alpenkönig ist ein überraschend animalisches Monster, Rappelkopf Cornelius Obonya bleibt die dunklen Seiten dieser Figur weitgehend schuldig. Gesangstechnisch allerdings ist er überzeugend, wie überhaupt die von Eva "Gustav“ Jantschitsch komponierten und getexteten Couplets - stilistisch zwischen Volksmusik und Kurt Weill angesiedelt - zu den Stärken eines recht glatten Abends zählen. Auch die schlanke Strichfassung (Nettospieldauer: zwei Stunden) und die starken Dienstboten (Stefanie Dvorak, Johann Adam Oest) sprechen für die Inszenierung des vielleicht jüngsten, aber sicher nicht schlechtesten Regisseurs der Burgtheatergeschichte. WK

Burgtheater, Mi, Do 19.30


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