Kunst  Kritik

Made in Japan: Der Hauch des Kosmos

Falter : Woche | aus FALTER 40/12 vom 03.10.2012

Die Feldlerche auf einem Rasenstück, über ihr ein blühender Glyzinienzweig. Ein Käuzchen auf einem Ast; am Himmel eine Mondsichel. Diese zwei Motive stammen aus der Ausstellung "Japan - Fragilität des Daseins“ und entsprechen dem klischeehaften Bild, das der westliche Betrachter von fernöstlicher Kunst hat. Das Kleine und Zarte bekommt Gewicht, die Wahrheit hat die Form eines Hauchs oder einer Welle. Man ahnt, dass es hier um das kosmische Ganze geht, auch wenn einem die Symbole der Zen-Künstler rätselhaft bleiben.

Kurator Diethard Leopold, bewandert in der Kunst des Bogenschießens, suchte in einer Tokioter Privatsammlung 50 ausgezeichnete Beispiele aus, die mehrere Jahrhunderte japanischer Kulturgeschichte repräsentieren. Dazu gehören auch Schriftstücke, etwa das persönliche Schreiben eines Mönchs aus dem 14. Jahrhundert. Die kunstvolle Machart des Schriftbildes lässt erahnen, aus welch hochentwickelter Kultur der Objekte und der Zeremonien das Papier entstammt.

Die Ausstellung ist in Kapitel gegliedert, die Namen wie "leicht“, "rein“ oder "leer“ tragen. Die Versenkung in diesen wunderbaren Kosmos wird lediglich durch eine Reihe zeitgenössischer Interventionen gestört. Aus unerfindlichen Gründen sind Werke unbekannter, europäischer Künstler zwischen die Meisterwerke von Kano Tsunenobu und Yamamoto Shunkyo gestreut.

Irgendwie fühlt man sich wie ein Barbar, wenn man mit der japanischen Zeichenwelt in Berührung kommt. Selbst der Strich eines Tuschepinsels weist unzählige Abstufungen von tiefstem Schwarz bis zum zartesten Grau auf. Die alten Japaner tranken nicht nur den besseren Tee, sondern hatten offensichtlich auch gut gebrühten Sex. Das legt eine Serie von neuzeitlichen Holzschnitten nahe, die pornografische Szenen darstellen. MD

Leopold Museum, bis 4.2.


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