Meinesgleichen

Eric Hobsbawm, Historiker, 1917 - 2012

Falter & Meinung | aus FALTER 40/12 vom 03.10.2012

Große Männer hinterlassen viele Gedanken; manche - die meisten - nur den einen, den sie in immer neuen Formen elaboriert haben. Im Fall des Historikers Eric Hobsbawm verhält sich das nicht so. Er gilt als einer der letzten bedeutenden Marxisten des 20. Jahrhunderts. Rechtzeitig fand er die gebotene Distanz zu den selbsternannten realpolitischen Erbwaltern von Marx, zu den Sowjetkommunisten, sodass er auch fortan als Marxist forschen und schreiben konnte. Hobsbawm, als Kind nach Wien gekommen, beharrte darauf, dass seine Kindheit und Jugend in Wien für ihn prägend waren und dass er bereits mit fünfzehn die Machtergreifung Hitlers als Wendepunkt der Geschichte erfasste.

Es fiel ihm, dem nach England Vertriebenen, dann wohl leicht, sich jeglicher Austrophilie zu enthalten, wenngleich er gern im Land weilte und hier auch oft geehrt wurde. Aus seinen vielen Gedanken könnten wir einen herausgreifen, der uns Europäern Mut machen sollte. Eine Nation, erklärt Hobsbawm, der Historiker der europäischen Nationen, sei einerseits ein Abbild von Bestrebungen einer Territorialmacht. Andererseits sei sie nur der momentane Ausdruck der technischen und ökonomischen Möglichkeiten einer Epoche und insofern wandelbar. Ohne Buchdruck, Massenmedien und massenhafte Alphabetisierung hätte es keine modernen Nationen gegeben. Unter neuen Kommunikationsverhältnissen, dürfte man hoffen, lassen sich Nationen auch transzendieren. Oder muss man das fürchten?

In der nächsten Ausgabe folgt ein ausführlicher Nachruf des Historikers Oliver Rathkolb


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