Stadtrand Urbanismuskolumne

Geiselhaft in Wien - lebenslänglich

Stadtleben | aus FALTER 40/12 vom 03.10.2012

Als Wienerin verbindet einen mit seiner Geburtsstadt eine schizophrene Hassliebe. Schizophren nicht nur weil Hassliebe, sondern auch weil unterkühlt leidenschaftlich - je nachdem, ob aus der Nähe oder Distanz gehassliebt. Besonders deutlich spürbar, sobald man die Stadtgrenze hinter sich lässt: "Endlich raus aus dem Scheiß-Wien“, ergo leidenschaftlicher Hass! Man kommt im (hier niederösterreichischen) Kaff an und findet dort sofort alles herrlich, will mit Wien für immer brechen, die Koffer packen und auf Nimmerwiedersehen.

Aber zwei Probleme. Nummer eins: Man muss sich nach geraumer Zeit, die man mit täglich einem knappen Viertelliter Wasser überdauert, eingestehen, dass man vertrocknen wird, bleibt man hier wohnen. Trotz krampfhaften Versuchens bleibt das Leitungswasser untrinkbar. Nummer zwei: die Nachbarn. In Wien kennt man sie auch nach Jahrzehnten im selben Bau nicht. Auf dem Land bereits nach wenigen Minuten. Nicht auszuhalten. Und da keimt sie schon auf: die kühle Liebe zur Heimatstadt; schneller, als der Rucksack ausgepackt war.


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