Selbstversuch

Das haben wir jetzt davon

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 40/12 vom 03.10.2012

Ich höre jetzt wieder gern Paul Simon. Ja. "Me and Julio down by the School Yard“. "American Tune“. "Fifty Ways to Leave Your Lover“. "Kodachrome“. Ich regrediere, zurück in mein 16. Lebensjahr, wobei sich eigentlich nicht behaupten lässt, dass das Leben damals besser gewesen wär. Eher gar nicht. Ich habe mir auch wieder Billy Joel heruntergeladen, aus Sentimentalität, aber das war dann doch extrem unbefriedigend. Manche Dinge funktionieren nur als Erinnerung: Ist wohl einfach so.

Die Mimis dagegen greifen um Jahrzehnte vor. Erfreut oder beunruhigt es mich, dass ihre neue absolute Lieblingsserie "Cybill“ heißt? Sie finden das urlustig. Ich auch, aber ich bin im Gegensatz zu den Mimis nicht mehr zehn Jahre alt und unsicher, ob Zehnjährige über derlei Witze lachen, ja sie überhaupt nur verstehen sollten. So lange haben wir sie ausschließlich babysche Filme und urfade Kinderserien anschauen lassen, nichts mit Gewalt, kein US-amerikanischer Teeniescheiß, und das haben wir jetzt davon. Was ist das? Akute grassierende kindliche Frühvergreisung? In welche Serie kippen sie mit elf? "The Sopranos“? "The Walking Dead“? Es muss ein Schloss an den DVD-Schrank, geht nicht anders.

Andere mütterliche Anstrengungen dagegen haben sich, entnehme ich dem Schweizer Tagesanzeiger, gelohnt. Immer öfter nämlich, heißt es dort in einer Geschichte, beobachte man Männer, denen es peinlich sei, wenn sie auf die Frage, was denn ihre Gattin so mache, antworten müssten, die sei Hausfrau und daheim bei den Kindern. Offenbar macht das nichts mehr her, und offenbar haben sich die Parameter, wie eine Frau etwas hermacht, endlich tatsächlich komplett verschoben. Offenbar wirkt das Modell Betty Draper nach mehr als 50 Jahren nun doch etwas gestrig, zumindest bei gesellschaftlichen Anlässen.

Das sagt natürlich nichts darüber aus, ob diese beschämten Männer, wenn niemand hinschaut, dann die Benefizien eines Daseins, in dem die Frau nichts anderes als das Wohl ihrer Familie im Kopf und im Tagesablauf hat, nicht doch zu schätzen wissen. Wobei die meisten Männer, die ich kenne, eher sehr froh sind, wenn ihre Frauen nach einer nicht zu langen Zeit mit den Babys wieder arbeiten gehen, weil sie eine gestresste, zuweilen überforderte Lebensgefährtin letztlich weniger anstrengend und auch attraktiver finden als eine latent unzufriedene, unterforderte, von der ausschließlichen Beschäftigung mit Kinderkram zermürbte Hausfrau.

Die Durchsetzung dieses gesellschaftlichen Standards ist uns working mums nun also offenbar endlich gelungen. So gesehen ist die neue "Cybill“-Sucht der Mimis vielleicht kein schlechtes Zeichen: In einem Umfeld aus lauten, sarkastischen, überarbeiteten Weibern unweit alkoholischer Getränke fühlen sie sich offenbar daheim und geborgen, das ist ihnen vertraut. Sobald "Die Waltons“ ihre absolute Lieblingsserie wird, werde ich mich wirklich sorgen.


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