Kunst  Kritik

Keine Angst! Es ist nur Kerry James Marshall

Lexikon | aus FALTER 41/12 vom 10.10.2012

Das Eigenschaftswort "überwältigend“ sollte man als kritischer Kunstkritiker besser nicht verwenden, zumal wenn es um Malerei geht. Denn es setzt voraus, dass der Künstler mit illusionistischen Tricks gearbeitet hat, die Grenze zu Werbung und Propaganda überschreitet. "Who’s Afraid of Red, Black and Green“, die erste Ausstellung des Malers Kerry James Marshall in Österreich, hat es darauf angelegt, überwältigend zu sein. Neben klassisch gehängten Leinwänden gibt es einen unter der Decke verlaufenden Fries, der die räumliche Funktion der Malerei betont. Beeindruckend sind vor allem die verwendeten satten Farben Lila, Schwarz, Rot. Das großformatige, zentral platzierte Bild hat einen finsteren Grund. Ganz am Rand verlaufen farbige Streifen von oben nach unten, in der Bildmitte tauchen wie aus dem Nichts ein Adler und die US-Flagge auf. So entsteht der Eindruck, als habe der Künstler eine bereits bestehende Darstellung nationaler Macht übermalt.

Der Künstler ist Afroamerikaner. Bekommen dadurch die Farben und Symbole eine besondere Bedeutung? Harte Farbkontraste und Geometrie kennt man aus der Kunst der 50er-Jahre, als Afroamerikaner vom Kunstbetrieb zu naiven Exoten marginalisiert wurden. Kerry James Marshall kombiniert exotische Bildmotive mit geometrischen Formen. Ein muskulöser Schwarzer steht vor einem Stern. Diese grelle Kunst erinnert ebenso an die politische Rhetorik der Black-Panther-Bewegung (die Faust, der kommunistische Stern) wie an die afrojamaikanisch beeinflusste Bildsprache von Sportartikelherstellern. Mit den Darstellungen von hochgesteckten Afrofrisuren und den schablonenhaften Figuren afrikanischer Schildermaler ergänzt der Künstler sein Panoptikum, das auf souveräne Weise Popkultur wie Malereigeschichte ineinandergreifen lässt. MD

Secession, bis 25.11.


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