Enthusiasmuskolumne Diesmal: Das beste Antidepressivum der Welt der Woche

Die Punk-Nihilisten als Lebensratgeber

Feuilleton | aus FALTER 41/12 vom 10.10.2012

Was tun, wenn die Spätsommermelancholie zur Herbstdepression wird? Man kann es mit einer Therapie versuchen, mit Gleichmutmedizin oder einer Reise in den Süden. Man kann aber auch sehr laut das erste Album von Flipper hören (nicht zu verwechseln mit der deutschen Schlagerband Die Flippers!).

Flipper sind 1979 in San Francisco entstanden. Mehr oder weniger als Antithese zur damals aufkommenden Hardcore-Bewegung, ihrer musikalischen Eindimensionalität und phrasendrescherischen PC-Ideologie. Flipper traten als Drogenfresser und Chaoten an, als Zyniker und Nihilisten, Regelbrecher und Krawallbrüder. "She’s a sex bomb, my baby, yeah!“ lautet der gesamte Text eines ihrer klassischen Songs. Er ist ein knapp achtminütiger Exzess der Lebensfreude im Zeichen des ungeniert pubertären Bubenspaßes, eine Dampfwalze des Glücks - und mit seinem äußerst markant eingesetzten Free-Jazz-Getröte bis heute eine Provokation für jeden traditionsbewussten Punk.

"Sex Bomb“ findet sich auf dem schlicht "Album“ betitelten Debüt der bis heute aktiven und immer noch tollen Band. 1981 erschienen und seitdem mehrmals erfolglos neu aufgelegt (zuletzt 2009 vom britischen Groß-Indie-Label Domino), enthält diese vielleicht beste US-Punkplatte überhaupt noch eine Reihe weiterer Songs für die Ewigkeit. Der in tendenziell herbstdepressiven Tagen eindeutig essenziellste ist "Life“.

Auch er habe das Lied der Todessehnsucht gesungen, verkündet der 1987 dann an einer Überdosis Heroin verstorbene Flipper-Sänger Will Shatter darin. Aber damit sei Schluss, denn er wisse jetzt, worum es im Leben gehe: "It’s life! Life! Life! Life is the only thing worth living for!“ Das klingt ein wenig gar schlicht? Ist es auch. Schlicht, aber ergreifend.

gerhard stöger


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