Doris Knecht Selbstversuch

Beide Daumen hoch, super Auto!

Kolumnen | aus FALTER 41/12 vom 10.10.2012

Jetzt fährt nicht mehr das weiße Reggae-Auto vorbei und macht nnnnntscha-nnnntscha, sondern ein rotes. Das Nnnnntscha-nnnntscha hört man, lange bevor die Reggae-Tschäsn zu sehen ist, und man wird sich schnell daran gewöhnt haben, dass die Tschäsn jetzt rot ist, denn sonst ist alles wie früher. Nnnnntscha-nnnntscha, dann fährt die Tschäsn vorbei, dann Stille, dann hört man das Nnnnntscha-nnnntscha wieder, dann taucht die Tschäsn aus der anderen Richtung wieder auf. Wenn man zufällig gerade am Straßenrand steht, winkt man in das Auto hinein, beide Daumen hoch, super neues Auto, Ferdl!

Der Ferdl hat seit zwei Jahren einen Führerschein, aber das Reversieren kann er nicht, oder er traut es sich nicht zu, seit damals, als er von seinem neuen, also gebrauchten, aber bis zu selbigem Moment praktisch makellosen weißen Auto den Kotflügel an der Gartenmauer abrasiert hat. Jetzt fährt der Ferdl, wenn er von seinem Haus weg in die andere Richtung muss, zuerst ans Ende vom Dorf, wo es eine Ausweichstelle gibt, bei der man gut einen Halbkreis fahren kann. Nnnnntscha-nnnnntscha-nnnnntscha.

Wenn man also zufällig etwas am Straßenrand zu tun hat und bei dieser Gelegenheit in die Reggae-Tschäsn hineinwinkt, winkt der Ferdl fröhlich aus der Tschäsn heraus, freut sich, dass Leute am Straßenrand lächeln, dass er einen guten Sound und ein neues rotes Auto hat, dass er fahren kann, dass er fährt, und jetzt auch noch in die richtige Richtung.

Jedes Waldviertler Dorf, das auf sich hält, hat ein oder zwei Ex-Hippies, die es sich irgendwann vor vielen Jahren in einer Ruine häuslich gemacht und so lange geblieben sind, bis sich alle an sie gewöhnt haben. Wenn es was zu reparieren gibt, klopft man bei ihnen ans Fenster oder man wartet am Straßenrand, bis sie reversieren müssen. Der Ferdl kann allerdings nur Steinsachen, für Holzsachen gibt es einen anderen Hippie, der ist aber schwerer zu derwischen, und wenn er sagt, gut, das macht er gleich, dann kannst du damit rechnen, dass er in ungefähr 14 Monaten damit fertig ist. Aber dann wird es eine sehr gute Arbeit geworden sein, doch.

Aber der Holzhippie ist halt mehr ein Händler als ein Handwerker, weil wenn du heute versonnen auf eine leere Stelle in deinem Haus schaust, dann steht dort morgen der Holzhippie mit einer Lampe, von der er so lange behauptet, dass sie für diese Stelle wie gemacht ist, ja wahrscheinlich irgendwann schon mal an dieser Stelle stand, bis du sie seufzend gegen 50 Euro tauscht.

Oder einer deiner Gäste erwähnt, er sucht ein gebrauchtes Fahrrad, dann radelt der Holzhippie am nächsten Tag auf einem unwiderstehlichen 70er-Jahre-Rad vorbei, das ganz zufällig zu verkaufen ist. So ein Zufall. Man steht am Straßenrand und lässt sich das Rad aufschwatzen, dann hört man ein Nnnnntscha. Ah, der Ferdl dreht um, wollten wir nicht was von dem? F


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