Selbstversuch

Die hockt doch eh immer nur im Wald

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 42/12 vom 17.10.2012

Aber das zurückgezogene Leben macht einen auch ein bisschen seltsam. Das ist der Nachteil daran, dass man jetzt endlich hat, was man sich so sehnlich wünschte: eine stille Schreibwerkstatt, ganz für sich allein, Ruhe und Sprachlosigkeit den ganzen Tag, nur geschriebenes Wort, höchstens ein bisschen Musik. Und Unbemenschtheit. Vollumfängliche Unbemenschtheit. Plötzlich merkt man: Man kommt eigentlich nicht mehr sehr viel unter die Leute, jetzt abgesehen von Facebook. Man sieht den Langen, die Mimis, den Gemüsehändler, die Käsefrau. Am Wochenende die Horwaths und die Sulmtaler von den Horwaths, denen die Kinder jetzt Namen geben, die auf einen neuen und begrüßenswerten Zugang zu Nutzvieh schließen lassen, weil die Hendln heißen jetzt nicht mehr Augenstern, Engelchen und Gertrud, sondern Suppenhuhn, Cacciatore, Grilli, Gfüllda und Gschnetzelte. Und hin und wieder trifft man dort die Familie Rookie, die ihr neues Sommerhaus bislang allerdings überaus zurückhaltend bewohnt: keine Zeit für Landwochenenden derzeit, zu viel Arbeit, sie bleiben in der Stadt. Aha. Bitte, wer bei dem herrlichen Herbstwetter lieber in der Stadt bleibt …

Aber ehrlich gesagt bin ich tatsächlich akut ein bisschen neidig. Auf geposteten Facebook-Fotos kann ich sehen, was die Freunde so machen, sie sitzen beim Dings und zelebrieren Lebensfreude bis in den frühen Morgen, während ich, eingewickelt in Decken über Daunenjacken, noch immer und schon wieder aufs schwarze Wasser schaue, es durch die Stille rauschen höre, nur unterbrochen von den merkwürdigen Schreien merkwürdiger Tiere. (Schlachtet der Horwath? Morgen zeitig rüberschauen.)

Das ist schön, ja! Man ist ganz bei sich. Man denkt. Denken ist gut. Es ist allerdings wenig abendfüllend, jetzt mitteilungstechnisch betrachtet. Wenn man dann doch einmal jemanden trifft, hat man erstens nichts Nennenswertes zu erzählen, und zweitens trifft man kaum mehr jemand, weil man allmählich vergessen wird und drittens für ziemlich langweilig gehalten. Die hockt doch eh immer nur im Wald, starrt auf schwarzes Wasser und wird langsam bissl schrullig. Und das war eigentlich ein Konzept, das man sich so für in 30, 35 Jahren zurechtgelegt hatte, aber jetzt merkt man auf einmal: Man ist schon mittendrin. Plus: Man wurde aufgegeben. Man spürt das. Und das ist dann nicht so schön. Zeit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und klarzumachen, dass man übrigens noch vorhanden ist.

Und da schau her, das funktioniert sehr gut, geht eh. Man zelebriert beim Dings Lebensfreude galore und ist am nächsten Tag prompt so hundskaputt, dass man kaum mehr die Tasten trifft und am Abend nur noch im Bett liegen und zehn Folgen "Homeland“ schauen kann, eine Serie, für die es nicht genug Superlative gibt. Trotzdem. Am Wochenende kein Land, sondern Kunst und Künstler. Ich bin noch da, gell?

Doris Knecht ergreift jetzt ein paar Gegen-maßnahmen


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