Kunst  Kritik

Schlappmachen: müde Kunst im 21er Haus

Lexikon | aus FALTER 42/12 vom 17.10.2012

Die männliche Puppe liegt am Boden, unter dem Pullover zeichnet sich der Schlag des wild pumpenden Herzens ab. So stellt sich der Wiener Künstler Werner Reiterer in diesem Selbstbildnis dar, als mechanisches Häufchen Elend, das zum ewigen Leben verdammt ist. Reiterers Werk "The last heartbeat before dying frozen as a loop“ gibt den Grundton vor, der die anspruchsvolle Ausstellung "Keine Zeit“ kennzeichnet. Es geht darin um Erschöpfungszustände, um das Gefühl, von in die eigenen Leistungen gesteckten Erwartungen überfordert zu sein. So zeigen Nicole Six und Paul Petritsch in "I’m too tired to tell you“ (2005) einen Mann im Moment des Einschlafens, den Tiefschlaf und das kurze Aufschrecken des Protagonisten, wenn der Kopf sein Gleichgewicht verliert und schwer zur Seite fällt. Künstler verkörpern den getriebenen Lebensstil der Gegenwart exemplarisch.

Olaf Nicolai schreibt auf einen runden, an Glücksräder auf Jahrmärkten erinnernden Leuchtkasten "Enjoy“ und "Survive“. Der Imperativ der Konsumgesellschaft - "Genieße!“ - trifft hier auf die Aufforderung, seine Haut zu retten. Die Ausstellung bringt Kunst verschiedener Medien - Text und Bild, Video und Malerei - zusammen. Die Ausstellungsarchitektur von Christoph Meier schafft für die disparaten Einzelteile eine Klammer. Unfertige Gipskartonwände und mit Folien verklebte Fensterscheiben geben dem Museumsraum einen Werkstattcharakter, als wären die Künstler noch mitten in der Arbeit. Ergänzt wird die Schau durch ein Programm von Studierenden der Akademie der bildenden Künste. So gibt es ein Teambuilding-Dinner für prekär beschäftigte Kulturarbeiterinnen, Martina Kigle baute eine Bühne als "karrieristischen Scheiterhaufen“. So lernen die angehenden Künstler schon früh, mit Stress und Scheitern umzugehen. MD

21er Haus, bis 6.1.


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