Kritik

Faust Fast Forward: Goethe, eingedampft

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 43/12 vom 24.10.2012

Stammt ein geflügeltes Wort nicht aus der Bibel, dann findet man es in der Regel in Goethes "Faust“. Der Herr Geheimrat hat ja auch fast zeit seines Lebens an dem Stück herumgebastelt, die früheste Version entstand vor 1775. Viele Elemente der späteren Fassung sind darin schon enthalten, der Schwerpunkt liegt aber stark auf dem Schicksal der vom geilen Bock Doktor Faustus verführten Margarete, die unabsichtlich die Mutter vergiftet und dann das dem Schäferstündchen entsprungene Kind ertränkt, wofür sie eingekerkert und hingerichtet wird. Goethe entnahm das einem realen Justizfall, später, als Minister, bestätigte er in ähnlichen Fällen dennoch Todesurteile. Dieser "Urfaust“ wird nicht gerade oft aufgeführt. Enrico Lübbe, der 2013 als Intendant von Chemnitz ans Schauspiel Leipzig wechselt (Auerbachs Keller!), zeigt am Volkstheater eine auf eine knappe Stunde eingedampfte Version.

Man spielt in einem rotierenden Riesenkubus. Als Dr. Faust, ein bebrillter Universitätsdozent mit wenig Glück bei Frauen, fängt sich Denis Petkoviæ mit seinem Spruch "Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen … ?“ zuerst einmal einen Satz Watschen von acht nackten Damen ein, bis er bei Nanette Waidmann, dem Gretchen des Abends, einen Treffer landet. Nun geht es noch schneller: Als aalglatter Mephisto wirbt Günter Franzmeier mit gebührender Überheblichkeit für ihn um Gretes Gunst (lies: Bett), es folgen Beischlaf, Kindsmord (sehr blutig, wirkt eher wie eine Fehlgeburt), Brudermord, versuchte Gefangenenbefreiung und Selbstmord Faustens. Dazu plärren Deep Purple unablässig "Child in Time“. Endlose Wiederholungen einzelner Szenen lassen das aber immer noch sehr lang erscheinen, etwas mehr Originaltext wäre besser gewesen, so wirkt die ganze Sache unausgegoren.

Volkstheater, Mi, Do 19.30


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