Enthusiasmuskolumne  Diesmal: der beste Pop-Weirdo der Welt der Woche

Wunderschön verkopfte, rätselhafte Lieder

Feuilleton | Sebastian Fasthuber | aus FALTER 43/12 vom 24.10.2012

Der deutsche Sänger und ehemalige Straßenmusiker Hans Unstern wurde in Berlin von Ja, Panik entdeckt. Schon mit seinem ersten Album "Kratz dich raus“ sorgte er für Verwunderung und Verwirrung. Denn sowohl typisch deutschen Diskurspop als auch Gefühligkeit verweigert der Mann, der bislang als bärtiger Kauz in Erscheinung getreten ist.

Stattdessen serviert er Texte, die auf hohem Niveau rätselhaft sind, und Musik, die manchmal ein wenig verkopft wirkt, aber oft auch einfach wunderschön ist.

Dass einer wie Unstern nicht einfach eine zweite Platte im Stil der ersten machen würde, war klar. Wie großartig gaga das neue Werk "The Great Hans Unstern Swindle“ und die Inszenierung drumherum geworden sind, war allerdings auch nicht zu erwarten. Unfassbar der Einstieg ins Album mit "Ich schäme mich“, das man händeringend als Blasmusik-Gospel beschreiben könnte.

Auch textlich geht es gleich hoch her, wenn Unstern behauptet, "beim Hören meiner lautmarkierten Zeilen“ würden sich sogar die Läuse schämen. Richtig: In die Charts kommt man damit nicht, aber ins Feuilleton.

Gerne würde man Unstern fragen, was er sich dabei denkt. Doch er gibt keine Interviews. Einzig eine Pressekonferenz hielt er ab, nunmehr glatt rasiert und mit blauen Haaren. Tenor: "Ich möchte nur noch Hülle sein.“ Auf Facebook postet er deshalb seit ein paar Wochen Videoclips von sich selbst als Pseudo-Schlagersänger.

Dass einmal ein bärtiger Hans-Unstern-vom-ersten-Album-Lookalike durchs Bild schwirrt, verkompliziert die Dinge weiter. Der Mann ist nicht zu fassen. "Alles Lüge“, hat Rio Reiser einst gesungen. Hans Unstern hat es verinnerlicht. Man könnte auch die späten Blumfeld zitieren: "Die Dinge bleiben kompliziert.“


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