Stadtrand Urbanismuskolumne

Gegen die falsche Dauerfreundlichkeit

Stadtleben | aus FALTER 43/12 vom 24.10.2012

Sie mache das nicht zum ersten Mal, meinte die Friseurin mit sowas von patzigem Unterton auf die Warnung des Kunden, sie möge ihn bitte nicht mit dem scharfen Messer verletzen, das sie gerade im Nacken ansetzte. Das, sollte man vielleicht erwähnen, war unmittelbar nachdem die Frau ihrem Kunden mit der Haarschneidemaschine das Ohr blutig geschnitten hatte. Aber das machte sie ja vielleicht auch nicht zum ersten Mal.

Nachdem wir hier vergangene Woche im autoritären Wirtshaus waren, sind wir nun im autoritären Salon (tatsächlich wischte die Friseurin das Blut mit dem Finger weg!). Vielleicht hat es ja mit der Unfähigkeit zu tun, Kritik hinzunehmen. Vielleicht sind um uns herum alle einfach zu dauerfreundlich, und empfinden jede Wahrheit als Zumutung. Wer das nicht verträgt, sollte einfach nicht nachfragen: Ob’s geschmeckt hat. Ob man mit der Dienstleistung zufrieden ist. Ob es einem eh gut geht. Falls Sie es doch wissen wollen: Das Ohr ist noch dran. Unser Illustrator muss kein neues Bild anfertigen.


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