Prost!  Lexikon der Getränke. Diese Woche: Pago World of Nature

Multikulti im Glas: über Fruchtsaft-Kolonialismus

Stadtleben | aus FALTER 43/12 vom 24.10.2012

Seit geraumer Zeit kann man sich Afrika, Asien und den Amazonas ins Wohnzimmer holen - in Plastikflaschen. Abgesehen davon, dass diese Säfte nichts für Puristen sind, ist der größte Stein des Anstoßes die Verbindung eines ganzen Kontinents mit einem Geschmack. Das ist selbst für die Ewiggestrigen von vorgestern. Mit einem ironischen Bruch, in Form einer Postkartenexotik oder mit einem Hinweis auf die ökologisch richtige Herkunft der Früchte, wäre das vielleicht noch durchgegangen. So fühlt man sich mit einer mehr als plumpen Marketingmasche übertölpelt. Man kann also sagen, da haben sich die Fooddesigner die Statistiken der Obstexporte ausdrucken lassen und nach ihrem Geschmack ganze Landstriche plattgemacht - geschmacklich. "Africa“ und "Asia“ schmecken nach Ananas, das musste wohl so sein. Africa mehr nach Traube und Asia mehr nach Kokos und Mango. Es "tastet“ darüber hinaus noch nach Litschi aus Taiwan und Apfel (!) aus China. Wow! Die sind wohl billiger als jene aus der Steiermark.

Es tummelt sich noch die Elefantenfrucht in den Fläschchen, abgeschmeckt wurde mit einer Spur Pfeffer. Amazon schmeckt nach Orange und Passionsfrucht und - last, but not least - Acerola. Die gibt den verbliebenen Rauchern noch das fehlende Quäntchen Vitamin C. Und das braucht man zu dieser Jahreszeit - ganz im Ernst. Und wie schmecken sie, diese Länder, ganz ohne Groll? Ein kunterbunter Mischmasch, Kinder zeigen mit dem Daumen nicht rauf, nicht runter. Dafür kommt dieser Saft zu weit her. MS


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