Selbstversuch

Wir sind übrigens auch noch süß

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 43/12 vom 24.10.2012

Um halb zwei in der Früh erwache ich nach kurzem Schlaf, weil mein Handy piept, es ist eins der Mimis, das mir per SMS eine gesegnete Nacht wünscht und ebensolchen Schlaf. Dir auch Kind, danke! Hatte ich bis eben! Und solltest du nicht …? Egal. Das Kindsvolk ist bei einer Übernachtungsgeburtsparty, und eigentlich wollte man gar nicht wissen, wann sie da schlafen gehen, und noch eigentlicher ist völlig selber schuld, wer sich nachts von seinem Smartphone wecken lässt, weil er es nicht ausgemacht hat.

Also bitte, halb zwei. Natürlich sind die Mimischen anderntags, post Abholung, ordentlich unausgeschlafen, was sich bei einem der Mimis wie gewöhnlich in einer angenehm zurückgezogenen Knatschigkeit äußert, beim anderen aber zu einem auf doppeltes Tempo beschleunigten und von Pausen kaum unterbrochenen Redefluss führt, als müsse es noch schnell den Stoff der nächsten Wochen vorab wegsprechen, bevor es völlig übermüdet in ein sprachloses Koma fällt. Lieb. Auch anstrengend. Und aufschlussreich, weil man erfährt, was der brave Bub von den braven Dings nachts so macht, wenn seine braven Eltern zur Tür hinaus sind. Stell dir vor!

Aha? Soso! Herzig, haha.

Herzig? Wir finden das urpervers!!!

Ach so. Na eh. Aber auch herzig.

Aber auch die Mimis sind noch herzig, jedenfalls tun sie manchmal so, zum Beispiel beim Fleischhauer: Wollen wir doch mal sehen, ob wir noch süß genug sind, um etwas gratis zu kriegen. Kriegen sie; aber kaum zur Tür hinaus, verwandeln sie sich, während sie schon in die in der Früh vom Metzger frisch selbstgemachten Würstel beißen, wieder in die Halbwüchsigen, die sie jetzt eben sind; irgendwo zwischen allem, zwischen putzig und patzig. Sie malen sich winzige Totenköpfe auf die Fingernägel und mit Wasserfarben Strähnen in die Haare, sie stapfen in Doc Martens und zerrissenen Jeans durch die Welt, schauen, wenn man sie lässt, "How I Met Your Mother“ und "Big Bang Theory“ und hören noch immer Wir sind Helden. Und sie lesen Gedichte von Peter Hacks und W. H. Auden, nachdem wir gemeinsam "Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ gesehen und bei der Beerdigungsszene geschluchzt haben.

Das war traurig. Und schön.

Das ist ein Gedicht von W. H. Auden, das er da gelesen hat.

Hast du ein Buch von dem?

Ja, von dem hab ich ein Buch.

Und dann lesen wir ein paar von den Liebesgedichten, und dann gehen sie schlafen, und als ich zwei Stunden später noch mal nach ihnen sehe, lesen sie sich im Bett noch immer Auden vor. Schlafen jetzt! Ja, nur das hier nochmal, hör zu! Es ist das Gedicht von dem Soldaten, das Ernst Jandl so schön übersetzt hat: Ich habe den Titel vergessen, und das kleine weiße Buch mit den Gedichten steckt jetzt in einer Schultasche, ich hab es heute früh bemerkt, als ich die Jause eingepackt habe. Auden liegt übrigens in Niederösterreich begraben.


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