Fragen Sie Frau Andrea

Stagln, stogln, stassln, stessn

Kolumnen | aus FALTER 43/12 vom 24.10.2012

Liebe Frau Andrea,

folgende Frage beschäftigt unsere kleine Schulschwänzgruppe seit kurzem: Heißt das, was wir manchmal machen, stangln oder stagln? Und woher kommt dieser Begriff überhaupt? Eine Stange macht doch gar keinen Sinn.

Fragt sich und Sie

Thorben Winter, Wien 1

Lieber Thorben,

die Frage nach dem Sinn des Schulschwänzens ist eine existenzielle. Die Geschichte des Fortbleibens von der Lehranstalt hat in Wien große Tradition. Espressodiskurs und Kaffeehausliteratur sind fette Früchte vom dünnen Stamme dieser Prokrastination. Manches Café hatte und hat ihr Vormittagsgeschäft ganz in den Dienst institutionellen Schwänzens gestellt. Mangels wahrer Abenteuer in der Stadt fanden und finden diese, wenn schon nicht im Kopf, so doch im bürgerlichen Kaffeehaus statt.

Schulstageln war und ist nicht Verlust, sondern Gewinn. Freiheitsgewinn. Eine Konstituente unabhängigen Denkens. Ein Sturm im Wasserglas des Erkenntnisinteresses. Im Schulstagel-Café war und ist die Lektüre der Times, von Le Monde und den deutschen Feuilletondacken größeren Wahrscheinlichkeiten unterworfen als in der Schule. Selbst das Studium der Klatschpresse kann einen Tag außerhalb der Schulbank zum Akt der Aufklärung machen. Auch die Grundrechnungsarten werden gefordert, die Budgets sind klein, die Zeit muss mit großen Braunen und kleinen Bieren gestreckt werden.

Der Begriff des Schulstagelns, korrekt: Schuischdagln, hat nichts mit der Stange zu tun. Das Schdagln bezeichnet eigentlich den kleinen Diebstahl, eine Tätlichkeit, die auch als Flauchen, Schdessen, Schdasseln und Schdöön firmiert. Schdagln kommt nach Ansicht führender Viennoetymologen vom italienischen staccare - loslösen, trennen, wegnehmen. Das Schdagln, hier sprechen wir die deutschen Bildungsimmigranten an, sollte mit langem A ausgesprochen werden, sonst wird es mit dem Schdogln verwechselt, dem Behandeln mit heißem Stahl. Im alten Wien wurde Bier gschdogld, warm gemacht. Aber auch der Schdogl kommt nicht von der Stange, sondern vom Stachel, dem Stahl. Mit dem Schdagln wolle es aber nicht übertrieben werden, meint die Expertin, denn schad wär, schod waa, käme es zum Schulverweis, dem Weisel und ergo dem Status: Schuischdaad.


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