Tiere

Watschentanz

Falters Zoo | aus FALTER 43/12 vom 24.10.2012

Das sollte eigentlich passend zum dieswöchigen Feiertag eine staatstragende Kolumne werde. Und zwar über den Vogel, den wir alle an der Waffel - sorry - auf dem Wappen haben. Aber dann gab’s Handgreiflichkeiten unter Prominenten und wer will da noch etwas über Adler wissen. Simmering gegen Kapfenberg und Sido gegen Heinzl, das ist Brutalität! Wurde Heinzl zuerst von Sidos Faust getroffen oder hat der "Sohn einer Hure“ den Juror der "Großen Chance“ davor angespuckt? Wurde "backstage Marihuana konsumiert“? Blitzschnell marschieren Facebook-Gruppen auf, andere Promis springen kommentierend hinzu, und die ORF-Direktorin wirft sich als Löwenmutter dazwischen. Wie bei einer Wirtshausschlägerei beteiligen sich alle am Gemützel und am Ende weiß niemand mehr, wie das alles eigentlich angefangen hat.

In diesen Zeiten medialer Aufgewühltheit hilft nur der kühle Blick der Kulturökologie. Was ging wirklich ab: Ein ranghohes Männchen wird unangemessen adressiert ("Dominic Hampel“). Ein riskantes Verhalten, denn 60 Prozent der ernsthaften Auseinandersetzungen unter Schimpansen haben ihren Ursprung darin, dass sich zwei Tiere nicht rangadäquat begrüßen. Der so Provozierte stellt den Widersacher innerhalb der von ihm beanspruchten Reviergrenzen. Es kommt zu wechselseitigen Drohgebärden, die damit enden, dass ein Silberrücken den anderen attackiert und sich dieser rücklings auf den Boden legt. Ein klassisches Unterwerfungsritual möchte man meinen. Doch das gilt nur unter Wölfen. In der europäisch-katholischen Kultur ist die Ohrfeige durchaus differenzierter zu sehen. Die Alapa, der Backenstreich, wurde lange Zeit bei der Firmung als Symbol der Stärkung und zur Erinnerung an diesen besonderen Moment ausgeteilt. Und auch Heinzl ist gestärkt aus dieser Begegnung hervorgegangen. Ohrfeigen sind rituelle Zeichen zu Beginn und am Ende eines Herrschaftsverhältnisses. Mit dem Schlag akzeptiert der Geohrfeigte die Unterordnung, die letzte Ohrfeige in einem Machtverhältnis signalisiert die Freilassung aus dieser hierarchischen Beziehung. So war der Backenstreich bei der mittelalterlichen Kärntner Herzogseinsetzung als demokratisches Ritual zu verstehen.

In diesem Fall aber ist irritierenderweise nicht Heinzl, sondern Sido aus dem Herrschaftsverhältnis des ORF entlassen worden.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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