Selbstversuch

Das war jetzt nicht wirklich hilfreich

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 44/12 vom 31.10.2012

Doris Knecht hat darüber nachgedacht

Und jetzt erklärt Freundin Gini B., Shoeshopping sei das neue Solarium. Es sei hier angemerkt, dass die Frau 250 Lederjacken besitzt und circa 400 Handtaschen, aber weil ich die rein theoretische Frage stelle, ob spitze silberne Stiefeletten gehen oder nicht gehen, kriege ich so eine Frauenmagazin-Binsenweisheit um die Ohren geschnalzt. Ja, hallo? Ich behaupte, dass dieser offensichtliche Sarkasmus sich an der Tatsache hochrankt, dass es die Frau sehr an den Bandscheiben und ihr Orthopäde ihr strengstens und unter donnernden, extrem rollstuhlhaltigen Drohungen verboten hat, Schuhwerk mit Absätzen zu tragen, die höher sind als Radiergummis dick. Weshalb sie nun anderen Frauen, die ihre Rückenschmerzen mit zugegebenermaßen fragwürdiger Selbstmedikamentierung halbwegs unter Kontrolle bringen, ihre hohen Hacken missgönnt.

Aber ich habe trotzdem darüber nachgedacht. Ich habe nachgedacht und der Gedanke, dass Shoeshopping das neue Solarium sei, durchfloss mich zu meiner eigenen Überraschung wie große, warme Erleichterung. Wieso das jetzt? Nebstbei fand ich den Gedanken tatsächlich überaus wahrhaftig: Ja, das stimmt eigentlich, seit praktisch alle Schuhe aus Plastik und um € 19.90 via Internet erwerblich sind. Wobei es sich bei den silbernen Schuhen, das war ein Missverständnis, keineswegs um so sluttisches 15-Zentimeter-Schuhwerk handelte, sondern um eher brave, cowboyische Leder-Booties.

Aber seit ich fast nur noch von der Wohnung in die stille Schreibwerkstatt und von der stillen Schreibwerkstatt zurück in die Wohnung radle, macht schickes Schuhwerk noch weniger Sinn als früher schon, wenngleich ich, solange ich noch irgendwie ohne Rollator vorwärtskomme, nach wie vor nicht bereit bin, in bebauten Gebieten in Bequemschuhe einzusteigen.

Allerdings neigt man, wenn man Tag um Tag völlig - wie Handke in einem rundum erfreulichen Interview mit der Süddeutschen sagte - "unumlungert“ am Computer sitzt, ungut zum Overdressing, sobald man sich dann endlich wieder einmal unter Humanoide und damit in die Möglichkeit begibt, den Inhalt seines Kleider- und Schuhschranks einer breiteren Öffentlichkeit vorzuführen, als seinem gespiegelten Ich, den Mimis und dem Langen ("Ist das neu?“ "Nein, das trage ich seit fünf Jahren“): Man zwängt sich sogar für einen Besuch beim Stammwirten in ein hübsches, entschieden überelegantes Kleid.

Was den Goût von Wunderlichkeit, den man durch ein neu hochgestartetes Sozialleben eigentlich loswerden wollte, nicht wirklich verwedelt, man wirkt im Gegenteil noch vernagelter. Allerdings hat Handke auch dazu Passendes gesagt, denn es sei "ja absurd für einen Schreiber, dass er offen sein muss“, und so fühlt man sich, egal wie viele Stratosphären unterhalb Handkes man sein Schreiberhandwerk verrichtet, nicht mehr ganz so gaga. Die silbernen Stiefel habe ich mir trotzdem nicht gekauft.


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