Kritik

Eine kühle Schönheit: Hysterie und Poesie

Lexikon | aus FALTER 44/12 vom 31.10.2012

Hugo von Hofmannsthals "Elektra“ (1903) ist die Fin-de-Siècle-Version einer griechischen Tragödie. Die Geschichte der unglücklichen Königstochter wurde von allen drei großen griechischen Tragödiendichtern behandelt, Hofmannsthal bezog sich auf die Sophokles-Fassung und spitzte diese ganz auf das Drama einer von Hass innerlich zerfressenen Frau zu. Man mag darin die poetische Ausformung eines Hysteriefalls sehen; auf den Einfluss Freuds deutet auch die stark sexualisierte Metaphorik des Textes hin. Ihren Hass etwa bezeichnet Elektra als ihren Bräutigam. In Wien war das Stück zuletzt Anfang 2003 im Kasino zu sehen; Joachim Schlömers Inszenierung pendelte damals etwas unentschieden zwischen Ironie und Sprachgewalt.

Knapp zehn Jahre später inszeniert Michael Thalheimer die Tragödie nun auf der großen Bühne - und Unentschlossenheit ist das Letzte, was man ihm dabei vorwerfen könnte. Bühnenbildner Olaf Altmann hat das gesamte Portal mit einer riesigen schwarzen Mauer zugebaut, in der ein schräger Schlitz klafft. In diesem schmalen Spalt - in dem es schon für zwei Menschen ziemlich eng wird - spielt sich das ganze Drama ab.

Höhepunkt des Abends ist das Zusammentreffen von Elektra (Christiane von Poelnitz) und ihrer mörderischen Mutter Klytämnestra (Catrin Striebeck): Am Beginn der Szene hockt die gespenstisch bleich geschminkte Klytämnestra über der zusammengekauerten Tochter wie eine Spinne über der Beute; am Ende wird Elektra sie so verängstigt haben, dass sich Klytämnestra kaum noch auf den Beinen halten kann. Großartig, wie die beiden Burg-Diven das spielen. Die 75 Minuten kurze Aufführung, für die Soap&Skin einen düsteren Song beigesteuert hat, ist eine kühle Schönheit - imponierend, aber auch etwas unnahbar. WK

Burgtheater, Fr 20.00, Di 19.30


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