Kritik

Der Wuchteldrucker als Populärphilosoph

Lexikon | aus FALTER 44/12 vom 31.10.2012

Früher hat Roland Düringer mit Motorradanekdoten ganze Abende bestritten. Wenn er heute vom Verkauf eines Motorrads erzählt, will er damit die Absurdität des kapitalistischen Systems erläutern. Gärtner statt Benzinbruder, Wutbürger statt Wuchteldrucker: Der Kabarett-Superstar der 1990er-Jahre ist kaum wiederzuerkennen. Das gilt neuerdings auch äußerlich: Düringer hat sich einen Ziegenbart wachsen lassen und diesen mit bunten Perlen geschmückt. Vom Styling abgesehen, schließt er mit "Wir - Ein Umstand“ nahtlos an den Vorgänger "Ich - Einleben“ an; auch dieser Abend ist mehr populärphilosophisches Referat als Kabarettprogramm. Weil Düringer sich an seine neue Rolle als Volkstribun inzwischen offenbar gewöhnt hat, ist er lockerer als beim letzten Mal, weshalb es - zumindest in der ersten Hälfte - mehr zu lachen gibt als beim letzten Mal.

Das grundsätzliche Problem aber ist auch hier evident: Düringers Stärke ist die Praxis, nicht die Theorie. Und allzu genau nachdenken sollte man über seinen Sermon lieber nicht. Zeitungen sind prinzipiell weniger wert als die Bäume, die dafür gefällt werden müssen. Wählen ist sinnlos. Und dass man sich an Gesetze halten soll, die sich irgendjemand anderer ausgedacht hat, überhaupt eine Zumutung. Vieles, was Düringer sagt, könnte Ausgangspunkt für gute Witze sein. Er meint es aber ernst. "Die Welt ist das, was du spürst“, doziert er am Ende. Irgendetwas stimmt mit einer Welt nicht, in der man nach einer Düringer-Vorstellung das Gefühl mit nach Hause nimmt, gerade ein Buch von Paolo Coelho gelesen zu haben. Hoffentlich ist es nur eine Phase, die der Künstler gerade durchmacht. Es wäre jammerschade, ginge der Bühne ein begnadeter Komiker wie Roland Düringer verloren. WK

Stadtsaal, Di, Mi, Do 20.00


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