Museen  Kritik

Paff, bumm — das Theater explodiert

Lexikon | aus FALTER 44/12 vom 31.10.2012

Mit einer ausgezeichneten Ausstellung erinnert das Österreichische Theatermuseum an den Bühnenbildner und Architekten Friedrich Künstler (1890-1965). "Die Kulisse explodiert“ zeichnet die Stationen einer Biografie nach, die für das 20. Jahrhundert und seinen säkularen Fortschrittsglauben exemplarisch ist.

Zum Kunststudium nach Wien kam Kiesler aus dem galizischen Czernowitz. 1924 bekam er den Auftrag, im Konzerthaus eine Ausstellung über radikale Theaterexperimente zu machen. "Da kam ein Unbekannter aus der Peripherie und räumte die alte Guckkastenbühne vom Tisch“, beschreibt Kuratorin Barbara Lesák den Auftritt des Theaterrevolutionärs. Kieslers eigenes Bühnenkonzept ist als Modell zu sehen. Kulissen gibt es in dem spiralförmigen Aufbau der "Raumbühne“ keine mehr, das Publikum sitzt auf rotierenden Flächen. Dynamik und Mechanisierung kommen darin ebenso zum Ausdruck wie ein moderner Blick auf den Menschen, der sich vom kontemplativen Konsumenten in einen Mitgestalter verwandelt. Kieslers Selbstbild als Generalist, der auch die Ausstellungsgestaltung und das Corporate Design übernahm, war für zahlreiche Künstler eine wichtige Anregung.

Die Forschungsarbeit von Lesák und der Wiener Kiesler-Stiftung liefern die Grundlagen für eine zeitgemäße Neubewertung des lange vergessenen Künstlers. Im Theatermuseum sind außergewöhnliche Archivfunde der letzten Jahre zu sehen, etwa die Gestaltung des Film Guild Cinema in New York, wo Kiesler ab 1926 lebte, oder ein Filminterview, in denen er seine Bühnenbilder erklärt; in New York war Kiesler auch als Bühnenbildner der Juillard School of Music tätig. Blaich + Delugan Architekten inszenierten die Schau historisch korrekt als konstruktivistischen Parcours. Wunderbar! MD

Österreichisches Theatermuseum; bis 25.2.2013


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