Ein großes Solo und zwei weitere schöne Premieren im Schauspielhaus Graz

Lexikon | Kritik: Hermann Götz | aus FALTER 44/12 vom 31.10.2012

Es gibt ja die Theorie, dass Ex-Intendant Matthias Fontheim die Ebene 3 vor allem deshalb eröffnet hat, weil sich mit einem für geschätzt 50 Besucher zugelassenen Raum wunderbar die Auslastungszahlen optimieren lassen. Wenn man den Raum dann als Spielwiese für die Selbstverwirklichung von Schauspielern und Regieassistenten freigibt, hat das Ganze noch den Vorteil, dass es nichts kostet. Aber die Zeiten sind vorbei: Mit Birgit Stögers sehr persönlichem Solo "Eine unverheiratete Frau“, das die Schauspielerin mit Regisseur Ed Hauswirth entwickelt hat, wurde die Ebene 3 nachhaltig aufgewertet. Der auf Basis des Godard-Films "Une femme mariée“ zwischen feinen Grauschattierungen und Schwarz-Weiß-Fotografien entspannt entsponnene Stöger-Abend ist einfach gut.

Nicht ganz so entspannt kommt die österreichische Erstaufführung von Felicia Zellers ziemlich zeitgemäßem Drama "X-Freunde“ daher: Judith Wille legt eine lupenreine Regiearbeit vor, die nur einen Fehler macht: Sie sieht die Schwächen des doch recht moralisch konstruierten Zeller-Stücks nicht. Das untergräbt das starke Spiel von Evi Kehrstephan und lässt zugleich Florian Köhler glänzen, dem seine Rolle, in Eigenregie ironisiert, genial gelassen gelingt. Im großen Haus durfte mit Ibsens "John Gabriel Borkman“ die Josefstadt einziehen - samt Lohner, (Nicole) Heesters & Co. Der Falter hatte die Premiere in Wien als Missverständnis verstanden, in Graz war ein Abend zu sehen, in dessen Slapstick-Fragmenten die tragikomische Note einem melancholischen Augenzwinkern gewichen ist. Kein Geniestreich. Aber schon schön.


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