Film  Tipp

"Un amour de jeunesse“ von Mia Hansen-Love

Lexikon | aus FALTER 45/12 vom 07.11.2012

Eine Jugendliebe: Camille (Lola Créton) und Sullivan (Sebastian Urzendowsky)

Die Erkenntnis, dass das Leben dennoch weitergeht, ist in den Filmen von Mia Hansen-Love kein behaglicher Trost, sondern unzweifelhaftes Indiz für deren Gravitas und Zuversicht. Ihren Figuren mag sie zunächst wie eine Kränkung erscheinen. Die Liebe von Camille in "Un amour de jeunesse“ etwa ist so unbedingt, wie sie es nur mit 15 Jahren sein kann. Sie ist das Einzige, was zählt, gilt ihr mehr als das eigene Leben. Es ist das Vorrecht ihres Alters zu glauben, dass es keine weitere Chance mehr gibt.

Die Frage, ob der 19-jährige Sullivan ihrer würdig ist, stellt sie sich nicht. Ihre Gefühle wären ohnehin Antwort genug. Die Idealistin Camille glaubt an die Unersetzbarkeit. Hansen-Love erzählt von der ersten Liebe - derjenigen, deren Ende den tiefsten Schmerz bereitet und ein Brandmal hinterlässt, das sich nie tilgen lässt - aus der Perspektive späterer Einsicht, aber mit so viel Empathie, dass sie ihrer Heldin nie eine Kränkung zufügt. Sie nimmt die Trauer ernst, die Camille (Lola Créton) befällt, als Sullivan (Sebastian Urzendowsky) sich aus ihrem Leben stiehlt. Auf den Selbstmordversuch, den sie begeht, spielt der Film mit behutsamer Lakonie an. Die Impressionen aus dem Danach sind in einen sanft-entschlossenen Erzählfluss eingebettet. Die Jahreszeiten lösen einander ab, Lola trägt die Haare kürzer, dann wieder länger. Ihre Eltern trennen sich, was kein Trauma ist. Unterdessen wird Camille zu einer Erwachsenen. Bewundernswert, wie die 16-jährige Créton die Wandlungen bewältigt, durch die Camille am Ende zehn Jahre reifer wird. Sie spielt sie als eine robust Verletzbare. Camille entdeckt ihre Leidenschaft für die Architektur, während des Studiums findet sie ein neues, heilsames Glück. Dem erneuten Aufflammen ihrer Jugendliebe ist sie gewachsen. Das Leben ist ein starker Gegenzauber.

GERHARD MIDDING

Premiere im Filmmuseum, Mi 20.30 (OmU) in Anwesenheit der Filmemacherin


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