Fragen Sie Frau Andrea

Das Glas der Gläser: das Wiener Achterl

Kolumnen | aus FALTER 45/12 vom 07.11.2012

Liebe Frau Andrea,

ich liebe diese Gläser, sie sind rund und bauchig, traditionelle Wiener Achtelgläser, wie es sie beim Wirten und beim Heurigen gab. Manchmal sind sie bedruckt. Für mich sind es "die“ Gläser. Josef Hoffmann hat sie designt. Oder irre ich mich da?

Liebe Grüße, Maja Wieser Benedetti, Margareten. Nach Diktat verreist

Liebe Maja,

aus dem Glas, das Sie beschreiben, hat wohl jeder schon einmal getrunken, Aussehen und Haptik dieser Gefäße gehören zum kulturellen Gedächtnis des Landes. Das Glas der Gläser hat einen leichten Bauch, am kaum merklich verdickten Fuß etwa den gleichen Durchmesser wie an der Öffnung und besitzt eine weiche und runde Lippe, die an einer Stelle in eine kleine, sesamkorngroße Verdickung ausläuft.

In Konsultationen mit führenden österreichischen Designexperten konnte sich der Verdacht nicht erhärten, der Architekt und Gestalter Josef Hoffmann, Gründungsmitglied und Hauptvertreter der Wiener Werkstätte, sei als Formschöpfer des Wirtshausglases anzusehen. Auch andere prominente Kollegen des Gestaltausdenkens kommen für das originale Design nicht infrage. Für die Urheberschaft darf bis zur Klärung das Etikett "anonymes Design“ dienen. Unter Wirten und Tipplern ist das tonnenförmige Glas, das in der Regel aus dem schankgekühlten Doppler gefüllt wurde, als "Fasslbecher“ bekannt. Eine schlankere, höhere, aber nur fünf Millimeter weitere Variante firmierte - weniger offiziell - als "Viertelglas“. Beide Gläser zirkulierten auch bedruckt, mit grünen Weinranken, im oberen Glasfünftel. Im Gastronomiebedarf ist der Fasslbecher noch immer erhältlich. Auf Flohmärkten sowieso. Ihr Verdacht bezüglich prominenter Formautorenschaft wird genährt durch mehrere Coverversionen des Fasslbechers. Peter Noever gestaltete eine Variante "Im Griff“, mit daumenballengroßer Einbuchtung, die Innenarchitektin und Designerin Miki Martinek eine mundgeblasene, handgeschliffene namens "Achtel“. Alexander Dworsky und Ursula Meyer bieten unter der Produktlinie "Das goldene Wiener Herz“ den Fasslbecher mit aufgedruckten Echtgold-Ranken an. Wem diese Nachdichtungen zu artsy-fartsy sind, der pilgere nach Ottakring zum Wirten und erbettle sich ein Set. Oder reite bei der Carla am Mittersteig ein, um dort Fasslbecher mit Aura zu erstehen. F


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