Menschen

Unser Udo!

Falters Zoo | aus FALTER 45/12 vom 07.11.2012

Ist Udo Jürgens womöglich der Leonard Cohen vom Wörthersee, haben wir uns am Halloweenabend gefragt, als der mittlerweile 78-jährige Chansonnier mitsamt dem Orchester Pepe Lienhard in der ausverkauften Wiener Stadthalle gastierte. Weil nämlich: So ein Charmeur! So ein Entertainer! So schöne Lieder! Und so ein Lausbub aber auch! Seine sehr junge und sehr hübsche russische Geigerin Asya Sorshneva hat er nicht nur einmal geherzt und gebusselt, der Udo, ansonsten war er aber die Höflichkeit in Person. "So ein ausverkauftes Haus - tausend Dank“, gab sich der Star demütig - und erzählte von den frühen Tagen seiner Karriere, als er noch in Kaffeehäusern und im Volksgarten gespielt hat. "Sie sehen es: Wir gehören alle zusammen“, gab er sich dann auch politisch, als ein eigens aus Jordanien angereister Konzertgast ein Geschenk auf die Bühne reicht. "Wir sollten uns nicht irre machen lassen von denen, die uns Hass einpflanzen wollen!“ Der erste Teil des Konzerts bestand vornehmlich aus neuem Material, Facebook-Kritik inklusive. Zur späteren Stunde gab es auch die großen Hits - und zu den Zugaben natürlich Udo solo im weißen Bademantel am Klavier. Nach dem allerletzten Lied ("Wien“), die Halle war bereits hell erleuchtet, kam er noch einmal auf die Bühne, schüttelte Fanhände - und transportierte sorgfältig all die Geschenke ab, die ihm während der knapp dreistündigen Show überreicht wurden.

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Ein anderer großer Sohn Kärntens stand tags darauf im Rabenhof auf der Bühne: Oliver Welter von der Klagenfurter Weltumarmungsrockband Naked Lunch, der seinen Freunden von der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune dabei behilflich war, den Anfang vom Ende einzuleiten. Es ist nämlich so, dass sich die FM4-Mitarbeiterband um Maestro Fritz Ostermayer demnächst auflöst, davor gibt es noch ein schönes neues Album mit dem sinnigen Titel "Loss mas bleibm“ und eine Handvoll Konzerte. Im Publikum wurde auch Staatssekretär Josef Ostermayer gesichtet, ein entfernter Verwandter des musizierenden Ostermayer. Ob es später bei seinem angeregten Gespräch mit Oliver Welter um Musik, den Kanzler und die Inserate oder doch um die Problembären im Süden ging, haben wir leider nicht mitbekommen.

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Den charmantesten Abend des Jahres verdanken wir der amerikanischen Sängerin und Poetin Patti Smith. Nach fünf Tagen ohne Strom hatte sie es doch noch zeitgerecht aus New York nach Wien geschafft, um im Rahmen der Viennale am Sonntag, dem 4. November, im Metro-Kino der beiden Männer ihres Lebens zu gedenken: Robert Mapplethorpe, ihres Künstlerfreundes, und Fred "Sonic“ Smiths, der Liebe ihres Lebens. Mapplethorpe wurde an einem 4. November geboren, Smith starb an einem 4. November. Das war dann wohl die Rache ihres Ehemannes am Künstler, mutmaßte die Sängerin. Die Rache dafür, dass Mapplethorpe seinerseits an einem 9. März gestorben war - kennengelernt hatten sich Smith und Smith einst ebenfalls an einem 9. März. Smith las aus "Just Kids“, ihrer Buch gewordenen Erinnerung an die Jahre mit Mapplethorpe; sie spielte einige Lieder auf der geborgten Akustikgitarre und sang "Because the Night“ a cappella - "zu viele Akkorde - ich schaffe es ja sogar, Ein-Akkord-Songs abzufucken!“ -, dafür aber mit Publikumsunterstützung. Vor allem aber erzählte Smith Geschichten aus ihrem Leben. Rührende, schöne und auch lustige Geschichten. Zum Schluss brachte sie bei "Banga“, dem Titelstück ihres aktuellen Albums, doch tatsächlich 200 Menschen dazu, wie Hunde zu bellen. Ob Udo Jürgens tatsächlich der Leonard Cohen vom Wörthersee ist, wissen wir immer noch nicht. Aber dass Patti Smith der sympathischste Rockstar der Welt ist, dessen sind wir uns jetzt sicher.

gerhard stöger

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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