Enthusiasmuskolumne  

Wien zeigt Margot die kalte Schulter

Diesmal: der schönste Satz der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 46/12 vom 14.11.2012

Bei knapp 100.000 Neuerscheinungen, die alljährlich auf den deutschsprachigen Buchmarkt schwappen, passiert es unweigerlich, dass der Literaturredaktion einige Bücher durch die Lappen gehen, die es wirklich wert sind, gelesen zu werden. Und weil Christina Maria Landerl vergangene Woche im Finale um den Literaturpreis Alpha mitgelesen hat (der dann an Milena Michiko Flasár ging), soll dieser schöne Anlass auch gleich noch genutzt werden, um Landerls 2011 erschienenes und im Falter peinlicherweise ignoriertes Debüt "Verlass die Stadt“ (Schöffling & Co.) hier noch schnell nachzuloben.

Die Autorin stammt aus Steyr und hat möglicherweise mit Wien so ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Es ist aber völlig powidl, ob und wie sehr Landerls genremäßig undeklariertes Buch auf autobiografischen Erfahrungen aufbaut.

Die abweisende Arroganz Wiens gegenüber allen Zuagrastn wird von Margot, einer der Protagonistinnen, glücklicherweise gänzlich ohne Larmoyanz registriert und artikuliert. Ihr staubtrockener Sarkasmus verhindert, dass diese Beziehungs- und Generationengeschichte aus dem studentischen Milieu zur befindlichkeitskitschigen Nabelbeschau verkommt.

"Verlass die Stadt“ (genau: nach dem Gustav-Song) ist erfrischend unprätentiös geschrieben, was nichts daran ändert, dass es viele originelle Ansichten auf und Einsichten über Wien bietet und voller schöner Sätze steckt.

Zum Beispiel diesem hier: "Im Wiener Prater ist jeden Tag Jahrmarkt, ist Kirtag das ganze Jahr.“ Das taumelt so hübsch beschwipst zwischen Jambus und Anapäst einher und leistet gerade dadurch jene Versöhnung zwischen Stadt und Provinz, die Margot versagt bleibt. Es stimmt, weil es swingt: "Im Wiener Prater ist jeden Tag Jahrmarkt, ist Kirtag das ganze Jahr.“


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