Langer Rede, kurzes Stück: Daniel Kehlmanns "Mentor“ in der Josefstadt

Feuilleton | Theaterkritik: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 46/12 vom 14.11.2012

Seit seiner Salzburger Rede von 2009 gilt Daniel Kehlmann nicht nur als Österreichs erfolgreichster Romancier der Gegenwart, sondern auch als erbittertster Verfechter eines Theaters, in dem das Handwerk des Stückeschreibers noch etwas wert ist. Sein zweites Drama, "Der Mentor“, kann als Praxisbeispiel dafür verstanden werden, was der Autor meint.

Der Jungdramatiker Martin Wegner wird eingeladen, mit dem arrivierten Kollegen Benjamin Rubin eine Woche lang an einem Stück zu arbeiten. Natürlich kommt es anders, als geplant: Die beiden Herren sind einander auf Anhieb unsympathisch, Wegner reist empört ab, während der auch amourös routiniertere Rubin die Gattin des jungen Heißsporns tröstet.

Weder der selbstgefällige Alte, der dem Erfolg seines Frühwerks "Der lange Weg“ zeitlebens hinterhergeschrieben hat, noch der blasierte Junge sind sonderlich sympathisch gezeichnet. Letzteren spielt Florian Teichtmeister als wehleidiges Lulu; den Gegenpart hat kurzfristig Regisseur Herbert Föttinger (für den offenbar ernsthaft erkrankten Michael Degen) übernommen. Föttinger ist dafür zwar zu jung; der geringere Altersunterschied aber macht das Duell nur schärfer.

Inhaltlich ist Rubin Kehlmanns Position näher; wobei der Autor selbstironisch genug ist, diese hinterfragen zu lassen. "Sie wollen, well-made plays‘“, blafft Wegner. "Bei Ihnen muss es wohlkomponiert sein, (…)am Schluss irgendeine überraschende Wendung, aber auch bitte nicht zu überraschend.“

Das meiste davon ließe sich auch über den "Mentor“ sagen: gut charakterisierte Figuren, sauber konstruierte Handlung, perfekt gesetzte Pointen. Gegen das von Kehlmann so gefürchtete "Regietheater“ ist ein wasserdicht gebautes Drama wie dieses immun.

Keine Frage: "Der Mentor“ ist ein well-made play; ein überdimensionaler Insiderwitz aber auch. Wer im Theater intelligent unterhalten werden möchte, ist hier richtig. Wer aber etwas über die Welt da draußen erfahren möchte, ist mit einem aktualisierten Klassiker besser dran.


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