Weibsteufel im Niemandsland: "Grenzgänger“ von Florian Flicker

Feuilleton | aus FALTER 46/12 vom 14.11.2012

 Offensichtlich ist es ein Mann mit Vergangenheit, der zu Beginn in einem kleinen Boot über den Fluss gebracht wird. Ein Blick zurück, in die Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, zeigt, was damals geschah, welches Drama sich in dieser schwülen Auenlandschaft im österreichischen Niemandsland ereignete.

Es ist ein Drama, das Florian Flicker aus Karl Schönherrs "Der Weibsteufel“ entwickelt hat, dem 1914 geschriebenen Stück eines Tiroler Volksdichters. Aus dem Bergbauern ist ein Wirt und Fischer (Andreas Lust) geworden, der zwischendurch Flüchtlinge aus der March angelt. Der Menschenschmuggel soll das Märchen für den Fischer und seine slowakische Frau (Andrea Wenzl) wahr werden lassen, doch ein junger österreichischer Grenzsoldat (Stefan Pohl), von seinem Kommandanten und den Wirtsleuten jeweils als Spürhund eingesetzt, setzt eine unheilvolle Dreiecksgeschichte in Gang.

Nur in dieser Hinsicht erinnert "Grenzgänger“ an "The Postman Always Rings Twice“ und Viscontis "Ossessione“; ästhetisch überzeugt er durch die großartige Landschaftsfotografie von Martin Gschlacht. In seinem ersten Spielfilm seit zwölf Jahren gelingt es Flicker hervorragend, die eigentliche Idee dieser verschobenen Liebes- und Betrugsgeschichte herauszufiltern.

Flicker reduziert die Dialoglastigkeit der Vorlage zugunsten eines wortkargen Kammerspiels, das sich aus Blicken und Täuschungen, falschen Hoffnungen und Möglichkeiten entspinnt. Die Wünsche, die Ängste, die Begierden sind zwar andere geworden als jene am Vorabend des Ersten Weltkriegs, der eigentliche Grund für das Verhängnis ist jedoch derselbe geblieben: im eigenen Selbst eingesperrt zu sein. MP

Ab 16.11. in den Kinos


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