Menschen

Auf die Groschen!

Falters Zoo | Karin Wasner, Christopher Wurmdobler | aus FALTER 46/12 vom 14.11.2012

Bill, sagt der Hausverstand. Weshalb die singende Schauspielerin Maria Bill, momentan als schauspielernde Sängerin auf Abschiedstour (was wir ihr aber eh nicht glauben), vergangene Woche einen Nestroy bekam. In der Kategorie "beste Nebenrolle“ übrigens, was einerseits ein bisschen gemein ist bei einer Grande Dame. Andererseits sind die Nebenrollen immer die schwierigsten, wie man hört. Bill bekam den Preis für die Spelunken-Jenny in der "Dreigroschenoper“, dazu kommen wir gleich nochmal. Beste Burgschauspielerin wurde übrigens Dörte Lyssewski, ihr Kollege Joachim Meyerhoff wurde bester Schauspieler.

Amanda Palmer steht auf Wien. So sehr, dass sie allen Gerüchten und einer Krankheit zum Trotz schon wieder die Arena bespielt hat. Eine Punk-Kabarett-Revue vom Feinsten ging dort über das Publikum nieder, eröffnet hat die Show Palmers Ehemann, der Autor Neil Gaiman. Bevor die Show beginnt, darf der nämlich erst einmal Gedichte vortragen - unter anderem eines über Amanda. Sehr romantisch. Den Lieblingssong "Missed Me“ gab es diesmal in Heavy-Instrument-Rotation: Jeder durfte einmal an jedes Instrument - bis die Künstlerin den Song am Schlagzeug wirbelnd beendete, um alsbald mit langer Schleppe dem Crowdsurfen zu frönen. Ein deutsches Lied darf auch nicht fehlen: Die "Seeräuber-Jenny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill ist zwar nicht so rasend originell. Aber der "Dreigroschenopern“-Song wurde sicher niemals schöner und schauriger interpretiert als in dieser Nacht in Erdberg.

Im Museumsquartier eröffnete man die Wintersaison mit der Errichtung der allseits beliebten Gewächshäuser, die aber nicht dem Zweck der Paradeiserzucht dienen, sondern dem überdachten Ausschank alkoholischer Heißgetränke. Zum Auftakt spielten die Tanz-Babys David Kleinl und Kristian Musser ein Ständchen für die Winterfreunde. Apropos: Wir finden, dass jemand dem Pimmelmann vorm Leopoldmuseum endlich einmal ein warmes Höschen anziehen sollte. Bei der Kälte! Wo sind die urbanen Strickgeschwader, wenn man sie wirklich braucht?

Das Angenehme am MQ-Winter ist ja, dass man hier ganz cool versucht, Weihnachten zu ignorieren. Anders als auf den Weihnachtsmärkten, die ab dieser Woche wieder die Weihnachtshasser rasend machen. Durch den Rathauspark irrt Amanda Larissa, das "Christkindl 2012“, und unter der großen Fichte vorm Rathaus gibt es heuer erstmals keine Krippe, sondern Prominente. Das auch noch! Die Krippe hat man irgendwo in den Park verräumt, unterm LED-beleuchteten Mega-Christbaum aus Niederösterreich sitzen dann täglich ab 18 Uhr mehr oder weniger bekannte Menschen und lesen Weihnachtsgeschichten vor. Wahrscheinlich lesen sie in Mikrofone und das Ganze wird lautstark auf das Punschfestivalgelände übertragen. "Himmelsbühne“ nennt sich die neue Attraktion vom Christkindlmarkt. Nicht bekannt ist, ob die Musicalsänger, Dompfarrer oder Benimmpäpste aus dem Klatschpresse-Biotop auch die "Seeräuber-Jenny“ singen werden. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt, Herr Bürgermeister, wenn "Skandaljuror“ Sido statt aus dem Evangelium vorzulesen, zur Krippe rübermacht und Jesus’ Mutter beleidigt. Dann gibt’s sicher wieder Haue. Wahnsinnig weihnachtlich. Jetzt so, Mitte November.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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