Vor 20 Jahren im Falter  Wie wir wurden, was wir waren

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Falter & Meinung | aus FALTER 47/12 vom 21.11.2012

Wiens Wirtschaft boomte vor 20 Jahren. Der Eiserne Vorhang war weg, zum großen Erstaunen aller, nicht nur der Wiener Stadtpolitiker. Vizebürgermeister Hans Mayr, der mächtige Finanzstadtrat neben Bürgermeister Helmut Zilk, sagte über die in einer Volksbefragung gescheiterte Idee einer Weltausstellung: "Ich gestehe Ihnen, der Gedanke war: Bauen wir etwas, das der Stadt dauerhaft zugute kommt. Und damit’s gebaut werden kann und politisch durchsetzbar ist, brauchen wir einen Aufhänger - das sollte die Weltausstellung sein. In der Zwischenzeit hat sich die Situation geändert, durch die Ostöffnung kam auch die Angst vor dem Fremden. Ich habe immer gehofft, dass der Kommunismus zusammenbricht, aber ich habe nie erwartet, das könnte zu meinen Lebzeiten passieren.“

Mit Mayr sprachen Christoph Hofinger und Thomas Vašek über strategische Perspektiven der Stadt im Ostboom. Es fehle Wien an der Vision, konstatierten Experten. Und als Standort internationaler Konzerne für Ostgeschäfte liege Wien gerade auf Platz sechs (hinter Budapest, Prag, Berlin, Moskau und Warschau).

Es ist dann doch ein bisschen anders gekommen.

In der Kultur stellte Christian Zillner die Frage, "warum das größte Prestige-Gebäude der Zweiten Republik politisch so schlampig vorbereitet wurde, dass es unter dem Druck einer Bürgerinitiative und der Kronen Zeitung zusammenbricht“. Das größte Projekt war das Museumsquartier. In einem beigefügten Bild der Anlage finden sich sechs Kreuze. Sie bezeichnen: "Filmmuseum/Pressezentrum (gestrichen), Museum für Ideengeschichte der österreichischen Moderne/Sammlung Leopold (gestrichen), Museum moderner Kunst (verkleinert), Bibliotheksturm (gekürzt, verschmälert), Multifunktionale Halle (gestrichen - durch Leopold-Museum ersetzt), Kunsthalle (?), Wohnbauten (gestrichen), Medienzentrum (gestrichen)“.

Es ist dann doch ein bisschen anders gekommen. Der Leseturm wurde auch noch gestrichen. Und das MQ wirkt, als wäre es nie umstritten gewesen. AT


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