Doris Knecht  Selbstversuch

Das Leben könnte nicht besser sein, aber

Kolumnen | aus FALTER 47/12 vom 21.11.2012

Neuer Plan. Man wird jetzt nicht mehr ausschließlich zu Veranstaltungen gehen, an denen Freunde und Bekannte partizipieren. Man wird sich jetzt auch wieder einmal kulturellen Ereignissen aussetzen, zu denen man keinerlei amikale Konnexe hat.

Man wird im Kino Dokumentationen über sperrige Künstlerinnen sehen. Man wird sich im Theater Stücke von Unbekannten von nie gesehenen Akteuren vorspielen lassen. Man wird Werke völlig Fremder lesen, man wird das Essen von Köchen verspeisen, die noch nie am eigenen Küchentisch saßen, man wird in Konzerten von Musikerinnen uhuen, die man nie zuvor getroffen hat. Denn so geht das nicht weiter.

Obwohl es natürlich die logische Folge, was heißt: die Erfüllung des alten Lebenstraums ist: Nie wollte man anders leben als unter Künstlerinnen und Künstlern, Kreativen und anderen Narren, und, wenn irgendwie möglich, unter solchen, deren künstlerisches Werk man schätzt. Und, Wunder: Das geschah. Und führte letztlich dazu, dass man sich Abend für Abend in vertrauter Gesellschaft an vertrauten Orten darüber freut, dass wieder eine Freundin, wieder ein Bekannter etwas Tolles geschaffen hat.

Das Leben könnte nicht besser sein, speziell nicht für jemanden wie mich, der die Wiederholung liebt, die Gleichförmigkeit, die tägliche Ingwerkarottenkürbischilisuppe. Es beschleicht einen bloß hin und wieder das Gefühl, man versäume etwas: etwas außerhalb der schönen, warmen Blase. Jetzt könnte man das Außerhalbige, Unvertraute einfach ins vertraute Lebens- und Abendprogramm koinstallieren, und das werde ich auch, sobald ich wieder 31 bin.

Sobald ich wieder jung und frisch genug bin, dass mich das allabendliche Tralala nicht mehr an der täglichen Arbeit hindert. Aber leider hört das unglücklicherweise ab einer gewissen Angejahrtheit auf, und der augenblickliche Stand der Dinge ist der, dass man nach zwei Abenden mildem Halligalli einen Tag krank, zwei Tage rekonvaleszent und weitere zwei Tage ruhebedürftig ist. Das zwingt einen dazu, das Halligalli gut einzuteilen, was nicht erleichtert wird durch den Umstand, dass ein lustiger Gott einem lauter junge, frische und vor Kreativität und Lebensfreude explodierende Freunde zugeteilt hat. Die Folgen brauche ich, denke ich, nicht näher zu erläutern, aber es stellt einen vor die prinzipielle Lebensentscheidung, ob man mehr mitmacht (und damit Servus sagt zu permanenter Kaputtheit, dem Mut zur Peinlichkeit, einer weitgehenden Arbeitsunfähigkeit und den mitleidigen Blicken von Zehnjährigen) oder mehr via Facebook zuschaut und die Frage "Verpasse ich etwas?“ mit einem verbissenen Nein beantwortet, das man sich am Ende selbst nicht glaubt. Schwierig. Sehr schwierig.

Im Übrigen wurde der schöne, neue Plan noch in der ersten Woche von drei feinen, künstlerisch höchst wertvollen Abenden im engeren Freundeskreis ruiniert. Im Kino war ich wieder nicht. F


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