Theater  Kritik

Die Claudel-Serie ist jetzt komplett

Lexikon | aus FALTER 47/12 vom 21.11.2012

Mit seinen 400 Seiten, 52 Szenen und 70 Rollen sprengt Paul Claudels Riesendrama "Der seidene Schuh“ (1924) nicht nur die Grenzen des Schauspielhauses, sondern die des Theaters überhaupt. Die "spanische Handlung in vier Tagen“ spielt im spanischen Weltreich des 16. Jahrhunderts, als dort die Sonne nie unterging; erzählt wird die unerfüllte Liebesgeschichte zwischen Don Rodrigo, der zum "Vizekönig“ von Amerika ernannt wird, und der unglücklich verheirateten Doña Proëza.

Das Schauspielhaus zeigt "Der seidene Schuh“ als vierteilige Serie, wobei jede Folge von einem anderen Regisseur inszeniert und von einem anderen Autor bearbeitet wurde. Von den ersten beiden Teilen hat der Falter schon berichtet; inzwischen ist die Serie komplett. Die für Tag 3 ("Die Eroberung der Einsamkeit“) zuständige Dramatikerin Anja Hilling hat den Text komplett neu geschrieben; die Handlung bleibt weitgehend unverändert. Tine Rahel Völcker schafft in ihrer Version von Tag 4 ("Das Boot der Millionen“) ein Gegengewicht zu den islamfeindlichen Tendenzen des Originals, indem sie muslimische Figuren hinzufügt. Fazit nach mehr als sechs Stunden Claudel: Das Serienformat erweist sich hier als problematisch. Die verschiedenen Text- und Regiehandschriften der einzelnen Teile machen die Rezeption des ohnedies komplizierten Werks noch schwieriger. Die Räuberpistole, die in dem katholischen Ideendrama auch steckt, kommt zu kurz, wenn man der Handlung nicht wirklich folgen kann.

Dennoch: Die Begegnung mit Claudels seltsamer Welt und das tolle Ensemble machen den "Seidenen Schuh“ zum größten Abenteuer, das man derzeit auf einer Wiener Bühne erleben kann. Am besten ist wohl, sich alle vier Teile an einem langen Abend anzuschauen. Am 30.11. gibt es dazu bis die vorläufig letzte Gelegenheit. WK

Schauspielhaus, Mi (1 & 2), Do (3 & 4) 19.00


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