Kunst  Kritiken

Zurück in die Zukunft: der Zauber der Bilder

Lexikon | aus FALTER 47/12 vom 21.11.2012

Die digitale Technik hat das Fotografieren einfacher, aber auch ärmer gemacht. Die Ausrüstung schrumpfte, die Dunkelkammer verschwand. Zwei Künstler werfen einen Blick auf die ablaufende Zeit. Matthias Herrmann zeigt in "270 West 17th Street“ Ansichten von analogem Werkzeug, das er weiterhin verwendet, etwa Farbfilter und Objektive, zu Stilleben arrangiert. Damit greift der Künstler einen Topos der sachlichen Fotografie der 1920er-Jahre auf, als Künstler die Objektivität des Mediums schätzten. Heute erzählen die Bilder den Verlust dieser ästhetischen Qualität, die mit dem Verschwinden der Dinge im virtuellen Raum einhergeht. Gleichsam als Hommage an die Welt der Objekte lassen sich jene Aufnahmen interpretieren, die der Künstler in Museen machte: beiläufig wirkende Ansichten von Kunstwerken oder den Schuhen einer Präsidentengattin. Wie in den präsentierten Straßenansichten fallen hier Gebrauchsspuren auf, etwa auf abblätternden Bildrahmen. Sie stehen für die Patina und die Geräusche der analogen Welt.

Der Künstler Christian Mayer beschäftigt sich in der sehenswerten Ausstellung "prezjnt“ mit der Reproduktionstechnik des dye transfer, das lange Zeit als bestes Farbverfahren galt. Heute gibt es nur noch ein Labor, wo solche Prints hergestellt werden. Außerdem sammelte Mayer Abbildungen zum Thema Zeitkapsel. In den 1930er-Jahren wurde die Idee populär, Informationen über die Gegenwart in Kapseln zu verschließen und an einem sicheren Ort für die Zukunft zu verwahren. Der Künstler zeigt Rückseiten entsprechender Fotos aus Zeitungsarchiven, die im Zuge der Digitalisierung verschwunden sind. Irgendwann werden Archäologen eine Dunkelkammer ausgraben und sagen: "Das muss aber ein magischer Ort gewesen sein!“ MD

Galerie Steinek, bis 20.12.

Galerie Mezzanin, bis 8.1.


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