Film  Neu im Kino

Lauf, Sita, lauf: "Die Lebenden“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 47/12 vom 21.11.2012

Barbara Alberts letzter Film "Fallen“ (2006) schilderte die Reise durch eine lange Nacht der (auch politischen) Zerknirschtheit. Am Ende ertönte die Jetzt-erst-recht-Protesthymne "We Shall Overcome“ der Poptüftlerin Gustav.

Zu Beginn von Alberts jüngstem Film singt Gustav wieder: über "Die Lebenden“ (so auch der Filmtitel), die sterben werden, und die Toten, die erwachen könnten. Die Reise führt diesmal in die Vergangenheit. Die deutsch-österreichisch-polnische Koproduktion folgt den Anstrengungen der 25-jährigen Sita (Anna Fischer), die herausfinden will, was der liebe Opa (Hanns Schuschnig) im Nazi-Regime gemacht hat. Sitas Archivgänge zwischen Wien und Warschau inszeniert Albert mit einer pädagogischen Genauigkeit, die papierene Expositionsdialoge nicht scheut. Weil Barbara Alberts Filme sich aber immer in mehrere Richtungen gleichzeitig bewegen, ist auch "Die Lebenden“ eigenwilliger als die Folie des erzieherisch wertvollen Aufarbeitungsfilms glauben ließe. Einerseits müht sich Albert - unterstützt von Anna Fischers direktem Spiel und den vibrierenden 16mm-Bildern von Bogumił Godfrejów - um einen Impressionismus der tastenden Blicke und beredten Körper. Andererseits kann sie nicht widerstehen, jeden leeren Flecken mit überdeterminierter Symbolik zuzustellen: Das Repertoire reicht von Gedichtrezitationen und einander spiegelnden Figurennamen bis zu einer vererbten Herzschwäche Sitas.

Manchmal ergibt diese wilde Mischung luzide Momente, meist zerreißt es den Film an seiner Gewolltheit. Das gilt leider auch für die Versuche, Ausgrenzungspolitik und Protestkultur der Gegenwart von der NS-Vergangenheit her zu kommentieren. Raus aus der Zerknirschung ist gut, aber dazu braucht es mehr als guten Willen.

Ab Fr in den Kinos


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige