Retrospektive Maria Lassnig: das Ich in Außen-perspektive in der Neuen Galerie Graz

Steiermark | Kritik: Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 47/12 vom 21.11.2012

Künstler mit Hang zur exzessiven Selbstdarstellung fühlen sich entweder recht wohl vor ihrem Spiegelbild oder gar nicht. Maria Lassnig, österreichische Mallegende gehört sicher in die zweite Kategorie. Nicht weil sie mit sich selbst so unzufrieden wäre, sondern weil sie ihrem Sehsinn stets misstraute und seine Tauglichkeit zur Abbildung des Selbst oder der eigenen Körperlichkeit infrage stellte.

Damit war eine außergewöhnliche Karriere im Sektor Malerei vorprogrammiert, denn deren Mittel und Methoden kann nur weiterentwickeln, wer auch "angewandte Bildkritik“ betreibt. Auf diesen Begriff bringt Günther Holler-Schuster, Kurator der in der Neuen Galerie laufenden Lassnig-Retrospektive, das Schaffen der heute 93-jährigen Grande Dame und legt einen einleuchtenden, wohlaustarierten Parcours durch ihr Œuvre. Gezeigt wird eine Künstlerin, die bereits in den 1950er-Jahren State of the Art war, sich in harter Farbfeldmalerei und informellen Farblichtwolken übt und anschließend federführend der Frage nachgeht, wie sich Körpergefühle in Bilder übersetzen lassen, ohne dabei kruden Realismus zu betreiben: "Body-Awareness“, malerisch umgesetzt in Figurationen, die hell und luftig sind, auch wenn sie mit geschlossenen Augen verfertigt wurden.

Später in den Staaten, wo sie zwischen 1968 und 1980 lebt, erkennt sie Umsatzschwächen des Abstrakten, dort stehen Pop und Fotorealismus hoch im Kurs, und sie malt wieder realistisch, postiert sich schließlich zwischen den Stühlen, lässt knödelartig geformte Körper mit realistischen Details konfligieren oder schöpft aus surrealistisch verformten Vorstellungsbildern. Wer Hut trägt, mag ihn ziehen.


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