Als die Fotografie unbedingt Kunst sein wollte und unverwechselbare Bilder erschuf

Lexikon | Kritik: Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 48/12 vom 28.11.2012

Eine Frau und ein Mädchen stehen einsam in der Landschaft. Der Himmel ist wolkig, Wind bauscht die Kleider. Den Hut muss die Frau festhalten. Man weiß nicht, wo die Szene spielt, wobei "spielen“ schon ein wenig überanstrengt klingt angesichts der Versunkenheit, mit der die beiden in die Ferne blicken. Versunken ist auch die Landschaft, Unschärfe hebt sie ins Allgemeine. Die in der von Alfred Stieglitz herausgegebenen Zeitschrift Camera Work veröffentlichte Photogravüre Heinrich Kühns geht ganz in den Maßregeln des Piktorialismus oder "Pikturalismus“ auf, jener fotografischen Bewegung, die sich um 1900 bemühte, die damals noch scharfe Trennung von Fotografie und Bildkunst aufzuweichen, ihre Fotos formal und rhetorisch an etablierte Gattungen und Genres anzulehnen. Entstanden sind unverwechselbare Bilder, die man auf den ersten Blick auch für Grafiken oder für Reproduktionen von Gemälden halten kann. Die Galerie remixx hat den Edeldrucken eine sehenswerte Ausstellung gewidmet, die Überraschungen zu bieten hat. So lässt sich darüber staunen, wie sozialkritisch manches Bild auf heutige Augen wirkt, wie breit der Motivfundus der mit Landschaft, Porträt und Stillleben assoziierten Bewegung ist (Industriebauten wie in einem Bromsilber-Abzug des Wieners August J. Fuchs würde man nicht erwarten). Oder wie intensiv der Piktorialismusin Graz betrieben wurde: Die Erzeugnisse der hiesigen "Kunstfotografischen Vereinigung“ sind beeindruckend. Macht zusammen mit den Preisen eine an dieser Stelle selten platzierte Einkaufsempfehlung. Weihnachten ist schließlich auch nicht mehr ganz fern. F

Galerie remixx, bis 23.12.


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