Performance Kritik

Wenn Geschichten Spuren auf Körpern hinterlassen

BETTINA HAGEN | aus FALTER 49/12 vom 05.12.2012

Wieder ist es eine Partitur geworden: eine aus Körpern, Texten, Klängen und Räumen. Claudia Bosse und ihr Theatercombinat beleben, bespielen und beschallen in "designed desires" den seiner Bestimmung entkleideten Baukörper der ehemaligen Zollamtskantine im 3. Bezirk, die hoch über leeren Parkplätzen an der Peripherie thront -stripped down to the bones. Den Körpern der Performer ergeht es ähnlich. Zwischen Entblößung und ästhetisch-poetischer Verfremdung ist alles möglich, und es ist auch alles gleichzeitig möglich: Jeder Besucher ist selbst verantwortlich, was sie oder er drei Stunden lang zu sehen, zu hören und zu fühlen bekommt. Denn seine Wege muss man sich selbst suchen, den Darstellern oder den Zuschauerströmen folgen oder sich entziehen und Raum und Sound auf sich wirken lassen. Die Performer erzählen Geschichten, die auf ihren Körpern Spuren hinterlassen haben. Dabei ist die Jugend als rares Gut eher sparsam vertreten, tänzerische Elemente eröffnen die Raumachsen, sind aber auch schön anzusehen oder vermitteln körperliche Zustände. Günther Auer am mobilen Mischpult bedient die unzähligen Lautsprecher in den Räumen mit Kompositionen aus Stimmen, minimal-technoiden Sounds und alten Melodien. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der Politik und Propaganda, die mit und um den Körper in kapitalistischen, konsumorientierten Demokratien getrieben wird. Die Japanerin Maruoka Yoshie etwa erzählt, wie sie ihre Freunde in der Heimat von Wien aus mit der Wahrheit über die Lage in Fukushima versorgte: Körper, der Willkür von Politikern ausgeliefert. Als dritter Teil der Serie "politische hybride" eröffnet "designed desires" wieder ein Paralleluniversum, in das es sich auszahlt einzutauchen - auch um einfach nur auf der Höhe des Zeitgeistes mitzuschwimmen.

Ehem. Zollamtskantine, Fr-So 20.00


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