Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Kleinformat der Welt der Woche

Befreit euch, dünne Bücher dieser Welt!

Feuilleton | aus FALTER 49/12 vom 05.12.2012

In jedem dicken Buch steckt ein dünnes, das schreit: Ich will raus!“, hat der US-amerikanische Historiker Robert Darnton einmal gesagt. Der Berenberg Verlag hat sich dieses kluge Bonmot zum Motto erkoren und verlegt vorzugsweise Bücher mit 96 Seiten.

Solche Tendenzen sind nicht neu. Als Ende der 1970er-Jahre der Postismus auch im deutschsprachigen Raum zu boomen begann, galt der Merve Verlag mit seinen handgetippten Pixibüchern für die frankophile Intelligenzia als superangesagt. Bequem war es auch: Man musste sich nicht erst durch die knapp 2000 Seiten von "Kapitalismus und Schizophrenie“ ackern, sondern war mit "Rhizom“, dem 64 Seiten starken Vorwort von Gilles Deleuze und Felix Guattari zum zweiten Band des besagten Schinkens, voll dabei.

Dass der Erfolg von Stéphane Hessels "Empört euch!“ heute zahlreiche Nachahmer der adhortativen Literatur auf den Plan gerufen hat, mag man doof finden; aber allein der Umstand, dass in Zeiten der ausglühenden Gutenberggalaxis auf Papier gedruckte 64-Seiten-Werklein reißenden Absatz finden, kann doch für einen gewissen Frohsinn sorgen.

Man mag sich fragen, ob alles, was Professor Sloterdijk von sich gibt, auch schon zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden muss, aber andererseits hat man mit 59 Seiten "Stress und Freiheit“ dann doch deutlich weniger Stress als mit den rund 2600 Seiten der "Sphären“-Trilogie. Einmal mit der U6 von Siebenhirten nach Floridsdorf gefahren und schon wieder einen Sloterdijk erledigt - abgefahren!

Auch der Verlag Diaphanes folgt mit seiner Booklet-Reihe über TV-Serien wie "Lost“, "Homicide“ oder "The Wire“ dem Trend. Gut so! Wer eh schon 60, 70 Stunden schauen muss, will nicht auch noch 350 Seiten drüber lesen müssen - 96 sind voll okay!

KLAUS NÜCHTERN


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