Mutter hat die Antidepressiva abgesetzt, und Marko klimpert am Klavier

Feuilleton | aus FALTER 49/12 vom 05.12.2012

:: Vermutlich liegt das Geheimnis dieses Films, wie auch des Lebens überhaupt, in seiner Leichtigkeit. "Was man liebt, muss man loslassen“, meint Gitte, die Mutter, einmal. "Wenn’s zurückkommt, dann bleibt’s.“

Sohn Marko, der als Schriftsteller in Berlin lebt, kommt fürs Wochenende immer wieder mal nach Hause zurück; Sohn Jakob, der Zahnarzt ist, wohnt nur ein paar Häuser weiter. "Home for the Weekend“, lautet programmatisch der internationale Verleihtitel von Hans-Christian Schmids neuem Film: "Was bleibt“, erzählt von den "Secrets and Lies“ einer Durchschnittsfamilie, die versucht, ein Wochenende miteinander zu verbringen.

Diesmal gibt’s Anlass zu feiern. Günter, das Familienoberhaupt, hat seinen Verlag verkauft, um sich in Hinkunft ganz seinen Studien (und, wie man später erfährt, seiner Freundin) zu widmen. Außerdem, sagt Gitte, gibt‘s ein Jubiläum, "meine Krankheit und ich feiern unser Dreißigjähriges“ - vor drei Monaten hat sie die Antidepressiva abgesetzt.

Ab diesem Moment sind die Charaktere ganz in der Gegenwart. Corinna Harfouch (Gitte) verbietet sich jede Andeutung der Krankheit. Es gibt kein auffälligen Gesten, auch nicht der Kamera. Dass sich hier eine Katastrophe anbahnt, kann man nur vermuten.

Mittendrin dann, Herzstück des Films, klimpert Marko (Lars Eidinger) mit seinem kleinen Sohn am Klavier herum, findet schließlich die Melodie eines Chansons von Aznavour. "Seit Wochen leb ich neben dir und fühle gar nichts neben mir“, fällt zuerst Gitte dazu ein, später auch Günter. "Ja, früher warst du lieb und schön. Du lässt dich gehn, du lässt dich gehn ...“

Für eine Gesangsszene solcher Dichte muss man bis Godard (der das Lied in "Une femme est une femme“ verwendet hat) zurückgehen, und weiter - bis "Rio Bravo“ und Howard Hawks’ improvisierter Familiencombo. Michael Omasta


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