Der Konzertsaal hatte einen Auffahrunfall: Innen spitze, ist er außen nur spitzig

Feuilleton | aus FALTER 49/12 vom 05.12.2012

:: Es ist ein ohnehin schwieriger Bauplatz an einem Eck, das schon doppelt besetzt war - vom markanten Eckhaus Castellezgasse und dem barocken Pförtnerhaus. Selbst wenn man die turbulenten Begleitumstände des Zustandekommens des nach zehn Jahren und mehreren Namensänderungen nun fertiggestellten Sängerknaben-Konzertsaals MuTh nicht kennt, sind ihm diese anzusehen. Zumindest beim Blick von der Oberen Augartenstraße.

Der Neubau des Teams Archipel Architekten ist sichtlich um Kompromiss bemüht: Einerseits muss er seine Fassade hinter der sakrosankt gewordenen Augartenmauer verstecken, andererseits soll er sich doch zeigen - weswegen eine Nase mit dem Namenszug MuTh spitz hervorragt.

Der erste Entwurf stieß noch selbstbewusst bis in den äußersten Winkel des Augartenspitzes vor; letztendlich aber musste das barocke Pförtnerhaus dann doch erhalten bleiben. Das ist bedauerlich, denn die kristalline Form wurde eingekeilt und ragt nun als Eckenauflauf aus dem Spitz. Der notwendig gewordene Übergang zum aufwändig reanimierten Altbau, der jetzt Kassa und Café beherbergt, wurde zum geometrischen Dachflächendurcheinander - ein Auffahrunfall in Zeitlupe, in dessen schmaler Knautschzone jetzt der Platz für ein richtiges Foyer fehlt und Konzertbesucher Verkehrsinfarkte erzeugen.

Erst am augartenseitigen Eingang kommt das Haus zur Ruhe, öffnet es sich mit großen Fensterflächen zum Grün. Der Trost für all die Kompromisse schließlich wird im Inneren gewährt. Hier sieht man, was möglich ist, wenn Architekten und Auftraggeber in Ruhe arbeiten können: Der Saal selbst ist nämlich eine wahre Pracht. Wer ihn betritt, glaubt einer räumlichen Täuschung zu erliegen: Wie passt ein so großer Raum in so ein kleines Gebäude? Ausgekleidet in warmem Nussbaumholz, dunkelrot gepolstert, alle Spitzen und Ecken gezähmt und Richtung Bühne fokussiert, eine feierliche Sachlichkeit ausstrahlend. So ist es zum Glück die wichtigste Idee, die im MuTh geglückt ist: der Raum für die Musik.

MAIK NOVOTNY


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