Film Neu im Kino

Die ganze Welt ist Bühne: "Anna Karenina"

MICHAEL PEKLER | aus FALTER 49/12 vom 05.12.2012

Irgendwann geht einem als Filmkritiker die Frage, ob eine Literaturverfilmung ihrer Vorlage denn gerecht werden würde, gewaltig auf die Nerven. Gerade so, als ob auch er diesem unzulässigen Vergleich aus dem Weg gehen wollte, hat der Dramatiker und Drehbuchautor Tom Stoppard ("Rosencrantz and Guildenstern Are Dead") seine Adaptierung von Tolstois "Anna Karenina" auf eine Bühne verlegt. Ein genialer und zugleich riskanter Schachzug, denn ohne filmische Wirklichkeit ist das Liebesdrama aus dem Zarenreich auf der Leinwand natürlich auch nicht zu erzählen. Und so wird die in mehrfacher Hinsicht beengende aristokratische Welt von einer großen, leicht verstaubten Guckkastenbühne immer wieder in unzählige Nebenräume verlagert - dann überfliegt die Kamera musicalhafte Choreografien oder springt von Modelleisenbahnen in Zugabteile zwischen Moskau und St. Petersburg. Diese an Aufhebung grenzende, leichthändige Überbrückung jeglicher räumlichen Distanz ist eines der bemerkenswertesten Charakteristika dieses Films, denn dadurch gelingt es Stoppard und dem britischen Regisseur Joe Wright, dem ausufernden Realismus buchstäblich durch die Hintertür ein Schnippchen zu schlagen. Wright, der bereits bei seiner Verfilmung von Jane Austens "Pride and Prejudice" - ebenfalls mit Keira Knightley in der Hauptrolle -sich für das Verirren im gesellschaftlichen Labyrinth des 19. Jahrhunderts interessierte, gelingen auch in "Anna Karenina" die stärksten Szenen, in denen Anna und Wronskij (Aaron Taylor-Johnson) ungeschützt der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Wenn die Liebenden beim Tanz im Ballsaal einander buchstäblich immer näher kommen, treibt Wright die Stafette von Blicken so weit, bis alle anderen Paare zunächst erstarren und endlich im dunklen Hintergrund verschwinden.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Village)


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