Kunst Kritik

Arm ab! Die Kunst der Selbstverstümmelung

aus FALTER 49/12 vom 05.12.2012

Die Ausstellung des australischen Künstlers Mike Parr ist nicht für Warmduscher. Sein ästhetisches Prinzip ist der Schock, den er etwa dadurch auslöst, dass er sich in einer Aktion von 1977 den Arm abhackte. Das Publikum erlebte, wie der Künstler eine aus Fleisch und Blut gemachte Prothese seines linken Arms abhackte. Parr vertritt einen radikalen Humanismus: Nicht die Gewalt des Künstlers ist böse, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Krieg und Verletzungen ermöglichen. Dieses politische Engagement drückt sich etwa in einer Aktion von 2003 aus. In "Un-Australian" imitierte der Künstler eine Protestaktion von Flüchtlingen, indem er sich den Mund zunähte. Der Irakkrieg war Anlass zu einer im Internet übertragenen Performance. Parr ließ sich Elektroden am Gesicht anlegen und forderte die Internetzuschauer auf, ihm Stromstöße zu versetzen. Die schmerzhaften Klicks waren zahlreich. Die Ausstellung zeigt neben zahlreichen Videodokumenten auch frühe Beispiele visueller Poesie. Anfang der 70er-Jahre betrieb Parr dann in Sidney einen Off-Space, wo die ersten Beispiele von Body-Art zu sehen waren. Schriftliche Anweisungen demonstrieren den Zusammenhang zwischen Körper und Sprache, etwa: "Zünden Sie Ihre Kleider an und löschen Sie sie erst, wenn es Ihnen zu heiß wird!" Ein Grund für das Interesse an Selbstverstümmelung liegt in der Biografie des Künstlers. Mike Parr wurde als Kind ein Arm amputiert, was er als traumatisierend empfand. Neben den Zeugnissen der Perfomances zeigt die Ausstellung auch Beispiele von Malerei und Grafik, die ebenfalls das Thema Selbstdarstellung behandeln. Die Kunst der Postmoderne favorisierte das Uneigentliche, wodurch Parrs direkte Aktion etwas anachronistisch wirkt. Kalt lässt sie einen trotzdem nicht.

MD

Kunsthalle Wien, bis 24.2


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