Meinesgleichen

Noch ein Skandal: der Suhrkamp-Verlag vor Gericht

Falter & Meinung | aus FALTER 50/12 vom 12.12.2012

Man sieht die Finanzkrise, in deren Schatten bemerkt man mitunter die Zeitungskrise, aber die Krise im Schatten dieser beiden Krisen sieht man kaum. Die Krise der Buchverlage und des Buchgeschäfts insgesamt tritt nur dann ins Feld öffentlicher Wahrnehmung, wenn es irgendwo einen Skandal gibt. In Deutschland blickt man nun auf den Suhrkamp-Verlag, dessen Haupteigentümerin (61 Prozent) und Geschäftsführerin Ulla Berkéwicz soeben per Urteil eines Berliner Gerichts als Geschäftsführerin abgesetzt wurde. Sie hatte ihre private Berliner Villa zu geschäftlichen Zwecken (wie Lesungen und Empfänge) an den Verlag vermietet. Der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach (39 Prozent), ein Hamburger Medienunternehmer (Morgenpost), klagte und gewann.

Nun steht sogar die Auflösung des Verlags im Raum; zumindest muss die Geschäftsführung neu bestellt werden. Als dramatisch daran empfindet die interessierte deutsche Öffentlichkeit, dass einer der bedeutendsten Buchverlage durch einen Eigentümerstreit existenziell gefährdet ist. Die sogenannte Suhrkamp-Kultur prägte die Nachkriegs-Bundesrepublik bis 1968 und auch danach; kein anderer deutscher Verlag hatte einen ähnliche Bedeutung. Die monolithische Stellung ist dahin, aber das Programm des Verlags lebt. Im Extremfall könnte es nun dazu kommen, dass er per Gerichtsurteil aufgelöst wird. Das ist nicht zu hoffen und auch nicht wahrscheinlich; noch ist nicht einmal das Berliner Urteil rechtskräftig.


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