Enthusiasmuskolumne  

Die Gier ist ein Hund

Diesmal: der beste Fleischhauer der Welt der Woche

Feuilleton | Birgit Wittstock | aus FALTER 50/12 vom 12.12.2012

Man könnte meinen, Paule rieche bereits den Gedanken an Loy’s. Sogar dann, wenn man versucht, leise zu denken. Hätte die Natur ihm nicht die Rute vorenthalten, er würde bestimmt schon beim Aussteigen aus der U-Bahn, spätestens aber beim Treppenaufgang zur Sturzgasse wedeln wie verrückt.

Ab da zieht er an der Leine, als ginge es ums nackte Überleben. Und wenn er laut winselnd und wie ein Schweinchen quiekend in die Nobilegasse einbiegt, kann man kaum noch Schritt halten: Der schmächtige 12-Kilo-Hund hat sich längst in eine nicht mehr zu bändigende Naturgewalt verwandelt und ist durch nichts mehr zu stoppen, wenn es um einen Besuch seines Lieblingsgeschäftes geht: des besten, des einzig wahren Hundefleischhauers der Stadt - des Loy’s.

Der Loy’s hat kapiert, worauf es ankommt: nämlich nur darauf, was Hunde wollen. Das beginnt beim Geschäftslokal: rund 30 Quadratmeter vollgestellt mit Kühltruhen; die Wände wie Christbäume behangen mit Teilen toter, getrockneter Tiere.

Kein Millimeter wird an Firlefanz wie Dekoration vergeudet. Hier isst nur das Hundeauge mit, und das findet alles, was es in der Natur gerne anpeilen würde. Vor allem, wenn der Hund "barft“, also biologisch artgerechtes rohes Futter frisst. Ob Rind, Gefügel, Wild oder Fisch - Loy’s zerlegt sie alle. Ob Straußenleber, Pferdelunge, Haseninnereien, Kuheuter oder Zahnderlfleisch - mit Obst oder Gemüse, mit Nudeln oder Reis?

Getrocknet gibt es ein Sammelsurium an schrägen Teilen: Schweinerüssel, Hirschsehnen und Rehfüße etwa, Fischhäute und Kaninchenherzen. Klar, als Vegetarier darbt man hier im persönlichen Vorhof zur Hölle, aber Paules seliger Gesichtsausdruck beim Einpacken von Hufen gefüllt mit Leberpastete macht einen fast neidisch.


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